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Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart

Story:
Nach einer Konzertreise ist Wolfgang Gottlieb Mozart 1764 nicht ins heimatliche Österreich zurückgekehrt, sondern in London geblieben. Dort lebt er auch Jahrzehnte später noch und hält sich mehr schlecht als recht mit geistfreien Auftragsarbeiten und gelegentlichen Zuwendungen von kunstbeflissenen Adligen über Wasser. Insgeheim träumt er davon, noch einmal eine große Oper auf die Bühne zu bringen.

Die Gelegenheit dazu scheint sich 1820 zu bieten, als ein neuer König den Thron besteigt. Es müsste doch eine Ehre für jeden hohen Herrn sein, eine neue Opernsaison zu den Krönungsfeierlichkeiten beizusteuern. Und tatsächlich ist Lord Hertford bereit, die Aufführungen zu finanzieren. Aber dafür ist ihm der Komponist zu Dank verpflichtet. Und das führt in direkt in die Streitigkeiten zweier politischer Lager, eines um den König, das andere um dessen entfremdete Ehefrau. Bald muss sich Mozart mit Dingen befassen, die er eigentlich nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, wie etwa mit der Frage, wie man die Leiche einer jungen Frau unauffällig verschwinden lässt...

Meinung:
Mozart? Ist der nicht 1791 in Wien gestorben? Und hieß er nicht außerdem Amadeus und nicht Gottlieb mit zweitem Vornamen? Eigentlich ja, bei "unserem" Mozart war das so.

Bernard Bastable schildert hier eine alternative Historie, in der vieles etwas anders gelaufen ist. Der damals siebenjährige Mozart ist nach einer Konzertreise in England geblieben, und lebt als alter Mann noch immer in London. Seine Musik ist längst aus der Mode gekommen, und er hält sich mit kleinen Aufträgen, die er als eigentlich unter seiner Würde betrachtet, über Wasser. Er schreibt "mit der linken Hand", also ohne persönliche oder künstlerische Beteiligung, die Musik für seichte Theaterstücke oder sorgt bei Empfängen in der besseren Gesellschaft am Klavier für dezente Hintergrundmusik. Sein heimlicher Traum ist jedoch, noch einmal eine "richtige" Oper auf die Bühne zu bringen. Und eigentlich hält er sich jedem Engländer nicht nur musikalisch für überlegen.

Als Lord Hertford anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten von George IV. eine ganze Opernsaison finanzieren will, scheint sich Mozarts Wunsch zu erfüllen. Aber nun ist der Komponist seinem Gönner verpflichtet, und das führt ihn bald in Schwierigkeiten. Seine Lordschaft spielt eine wichtige Rolle im Streit zwischen dem neuen König und dessen Ehefrau, der die öffentliche Meinung spaltet. Eines Tages versteckt Lord Hertford eine junge Zeugin im Theater, die bestätigen soll, wie moralisch verkommen die Königin doch sei. Wenn Jenny vor dem Oberhaus ihre Aussage macht, ist die Sache der Königin verloren. Aber dann wird das Mädchen ermordet, und man erwartet von Mozart ganz selbstverständlich, dass er behilflich ist, die nun lästige Leiche unauffällig verschwinden zu lassen. So sehr sich der Komponist auch bemüht, sich aus solchen schmutzigen Angelegenheiten herauszuhalten – er wird immer tiefer hineingezogen. Bald wird es nicht nur für ihn selbst gefährlich, sondern auch für eine begabte junge Sängerin, derer Mozart sich angenommen hat.

Bernhard Bastable ist ein Pseudonym des englischen Schriftstellers Robert Barnard, der unter einer Reihe von Namen mehr als 40 Kriminalromane veröffentlichte und über ein halbes Dutzend Mal für den Edgar Allan Poe Award nominiert wurde. 2003 erhielt er den Cartier Diamond Dagger für sein Lebenswerk. Nach dem Studium in Oxford unterrichtete er lange Jahre an australischen und norwegischen Hochschulen, bevor er Anfang der 1980er nach England zurückkehrte. Nach diesem Roman ließ er seinen Mr. Mozart in der Fortsetzung "Zu viele Noten, Mr. Mozart" weitere Abenteuer erleben.

"Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart" erinnert in gewisser Weise an die nicht gerade tiefgründigen Stücke, die Mozart am Theater Queen's Head vertonen und dirigieren muss, um mit dem Verdienst seine Gläubiger wenigstens etwas beruhigen zu können. Das ist gar nicht mal abwertend gemeint: Die Geschichte liest sich nett, man könnte sagen süffig, aber wirklichen Gehalt hat sie nicht. Man könnte sie mit einem Crepe oder einem Kaffeestückchen vergleichen, das man sich unterwegs irgendwo mitnimmt. Man wird nicht satt davon und es ist kein Highlight der Konditorkunst, aber man es isst es gerne und man erwartet nicht mehr davon. Genauso ist dieser Roman: Er bietet einige Stunden gute Unterhaltung, aber man wird sich, wenn man die letzten Seiten umgeblättert hat, nicht noch lange an die Geschichte erinnern. Und man spürt, dass das auch nicht der Anspruch des Buches ist.

Deshalb verzeiht man auch einige Punkte, die man anderen Romanen eher als Manko ankreiden würde. Beispielsweise bleibt sich der Leser eigentlich durchgehend bewusst, dass er eine erfundene, konstruierte Geschichte liest. Aber daran stört man sich genauso wenig, wie man sich beim regelmäßigen Besuch eines Kleinstadttheaters daran stört, das immer gleiche Ensemble in immer neuen Rollen zu sehen. Gelegentlich macht Bastable auch mit etwas grober Feder darauf aufmerksam, dass "sein" Mozart nicht der "unsere" ist, wenn er ihn etwa von einem seiner berühmten Stücke, der "Zaubergeige" erzählen lässt. Wie gut sich die Handlung in die reale Historie einfügt, ist da verständlicherweise auch eher unwichtig. Ebenfalls in diese Rubrik fällt es, wenn die Auflösung am Schluss doch an den berühmten deus ex machina erinnert, beziehungsweise der Autor den Täter ziemlich aus dem Hut zaubert. Auf der anderen Seite macht gerade diese Art der Auflösung im Rahmen der Geschichte Sinn, und – siehe oben – es passt einfach. Ähnlich ist es mit dem Kriminalfall. Wer einen klassischen Whodunit mit einem ermittelnden Komponisten erwartet, wird enttäuscht werden. Mozart improvisiert sich eher durch die ganze Chose, um seine eigene Haut und der talentierten Sängerin zu retten.

Insgesamt ist "Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart" geradezu der Protoyp eines Buchs für Zwischendurch.

Fazit:
Ein kleiner Ausflug in eine alternative Historie, in der ein gealteter Mozart in London lebt und in Mord und andere Verbrechen verwickelt wird. Das Buch ist wie ein "Happen für Zwischendurch": Nett zu lesen, aber nichts, was den Leser noch lange beschäftigen würde. Darum verzeiht man ihm auch einiges, was man anderen, "anspruchsvolleren" Büchern ankreiden würde.

Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Bernard Bastable
Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart
Dead, Mr. Mozart

Übersetzer: Friedrich Baadke
Erscheinungsjahr: 2000



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Aufbau Taschenbuch Verlag

ISBN:
3-7466-1388-4

249 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Nett zu lesen
  • Ein Happen für zwischendurch, der auch nicht mehr sein will
Negativ aufgefallen
  • suspension of disbelief funktioniert nicht
  • Gelegentlich macht der Autor seinen Punkt etwas grobschlächtig klar
  • Wirkliche Ermittlungen gibt es nicht
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Rezension vom: 11.04.2012
Kategorie: Historisches
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