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Flammenflügel im Lesezelt
Der cbj-Verlag hat vier Hochkaräter der deutschen Fantasy im Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse versammelt: Peter Schwindt (Justin Time, Gwydion), Kai Meyer (Wellenläufer, Wolkenvolk), Jenny-Mai Nuyen (Drachentor, Nijura) und Wolfgang Hohlbein (Märchenmond und vieles mehr) unterhielten sich über Fantasy, ihre Arbeit und insbesondere über Drachen. Denn einer der Ansatzpunkte des von Dr. Bernd Dolle-Weinkauff geleiteten Gesprächs war die Anthologie "Flammenflügel", in der alle vier vertreten sind.

Erstes Thema waren natürlich die titelgebenden Flammenflügel, die Drachen. Was macht für die vier Autoren Drachen aus? Für Kai Meyer sind Drachen vor allem ein Klischee. Deshalb wollte er eigentlich nie über Drachen schreiben - bis zu seiner Trilogie über das Wolkenvolk. Dort konnte er die Handlung nach Asien, genauer nach China verlegen, was Meyer auch bei seinem Drachenproblem half. Denn in Asien kennt man nicht den westlichen, bedrohlichen Drachen, der vom Helden mit dem Schwert besiegt werden muss. Dort sind Drachen ganz im Gegenteil positive Wesen, die beispielsweise von Dürre geplagten Bauern Regen bringen. Jenny-Mai Nuyen war nicht mit der Bemerkung einverstanden, dass explizit Fantasy-Autoren über etwas schrieben, was es nicht gibt. Im Prinzip ist das in fast allen Genres so, meinte sie. Wichtig sei, dass das Geschehen möglich und in sich plausibel ist. Das gilt auch für Drachen, wie man in ihren Büchern sieht. Ausserdem müssen die geflügelten Wesen eine Bedeutung haben. Durch diese Symbolfunktion erlauben sie dem Autor, in einer universellen Sprache etwas auszusagen, ohne zu direkt den lehrenden Zeigefinger auszupacken.

Peter Schwindt sieht Drachen vor allem als Torwächter. Fantasy-Literatur sei in vielen Fällen nichts anderes als verkappte Entwicklungsliteratur, und Drachen stehen für Hindernisse, die überwunden werden müssten. Ist das gelungen, glückt der Übergang in eine neue Phase, eine neue Rolle, eine neue Zeit. Auch für Wolfgang Hohlbein sind Drachen positive Figuren. Er sieht sie als Beschützer, als eine Art grosser Bruder, den man im dunklen Wald hinter sich weiss und der alle Gefahren fernhält.

Der nächste Punkt, den Bernd Dolle-Weinkauff ansprach, drehte sich um die Symbolik in der fantastischen Literatur. Neben den Drachen gibt es eine Vielzahl von Motiven, die eine bestimmte Bedeutung haben, beispielsweise Schwerter, Höhlen oder Wälder. Was reizt die vier Autoren daran, diese Symbole in ihren Werken zu verwenden? Nach Meinung von Jenny-Mai Nuyen sind diese bekannten Symbole vor allem typisch für die klassische Fantasy. Es gibt aber auch eine Unmenge anderer Spielarten mit ihren eigenen Symbolen. Ein Autor kann sein Bild der Realität in diese Symbole verpacken, um trotzdem etwas über die Realität auszusagen. Für Peter Schwindt steht stets der Konflikt im Mittelpunkt; Stereotype wie Schwerter, Könige oder Zwerge sind vor allem Mittel, um diesen Konflikt zu einer Geschichte zu formen.

Kai Meyer erinnert daran, dass Theoretiker praktisch alle Geschichten auf eine kleine Zahl von Urgeschichten, wie sie beispielsweise Joseph Campbell erkundet hat, zurückführen. Andere Genres verkleiden diese Urgeschichten stärker, so kann beispielsweise in einem Krimi eine Pistole die Rolle des Schwertes spielen. In der Fantasy sind solche Verkleidungen nicht notwendig, hier kann ein Schwert ein Schwert sein. Die noch direkt mit Märchen, Sagen und Mythen verbundene Fantasy sei gewissermassen der "Urschlamm" aller anderen Genres. Noch vor fünfzehn Jahren sei ausserdem eine Diskussion wie diese unmöglich gewesen, weil kaum jemand der Fantasy eine nennenswerte Bedeutung über reine Unterhaltung und Eskapismus hinaus zugetraut habe. Inzwischen habe sich das glücklicherweise geändert.

Als nächstes folgte die Frage, ob Fantasy-Geschichten eine Botschaft, eine "Moral von der Geschicht" haben. Wolfgang Hohlbein sieht durchaus eine Botschaft in seinen Geschichten. Sie muss jedoch in Unterhaltung verpackt sein und darf nicht belehrend den Zeigefinger erheben. Kai Meyer sieht das ähnlich. Er möchte aber lieber von eine Thema sprechen, das im Gegensatz zu einer festen Botschaft in der Geschichte nicht ausformuliert wird. Jenny-Mai Nuyen beginnt ihre Bücher normalerweise mit einem Gedanken, um den herum sie eine Geschichte strickt, eine ausdrückliche Botschaft will sie nicht vermitteln.

Jetzt beschäftigten die vier Autoren sich mit dem Thema, für welche Zielgruppen und Leserschichten sie ihre Werke verfassen. Eigentlich sind sich alle vier Autoren einig, dass sie nicht explizit für junge oder ältere Leser schreiben. Jenny-Mai Nuyen schreibt über Themen, die sie selbst gerade beschäftigen. Da sie die eindeutig jüngste in der Runde ist, waren und sind das häufig Themen, die insbesondere Jugendliche interessieren. Das ist aber nicht die Intention der Autorin. Wolfgang Hohlbein ist der Meinung, dass man nur bei einem Kinderbuch vorher die Entscheidung treffen muss, dass es ein solches werden soll. Nicht alle Themen sind für Kinder bereits interessant, ein Acht- bis Zehnjähriger wird einem Roman über die grosse Liebe eher desinteressiert gegenüberstehen. Sonst ist es auch bei ihm keine bewusste Entscheidung, ob er ein Buch für Jugendliche oder Erwachsene schreibt.

Peter Schwindt erzählt, dass seine Gwydion-Reihe ursprünglich für Kinder konzipiert gewesen ist. Die Grundidee war, dass die Ritter der Tafelrunde alt geworden sind - so alt, dass ihre Knappen ihnen aufs Pferd helfen und sogar die Schlachten für sie schlagen müssen. Seine Lektorin war jedoch skeptisch: Sie hatte Zweifel daran, dass die Leser eine solche Entzauberung ihrer Helden Lancelot, Gaiwan & Co. akzeptieren würden. Also änderte Schwindt seinen Ansatz und erzählte eine Geschichte aus den letzten Tagen Camelots. Sein Thema ist, was Macht aus Menschen machen kann. König Artus wurde über Jahrzehnte als der Held, praktisch als der Erlöser angesehen und behandelt. Was hat das und die lange Suche nach dem Heiligen Gral in seiner Persönlichkeit bewirkt? Und um diesem Thema einen neuen Dreh zu geben, hat Schwindt es aus der Sicht der Knappen erzählt. Hier greift die Runde noch die Ansicht auf, die Leser wollten ihre Helden nicht demontiert sehen. Wolfgang Hohlbein ist der Meinung, dass die Zeiten der strahlenden Helden vorbei seien. Er versuche heute, seine Helden mehr oder weniger "real" agieren zu lassen - im Prinzip so, wie er auch selbst in diesen Situationen handeln würde. Denn was ist so heldenhaft an den Abenteuern Siegfrieds, wenn er durch seine enorme Kraft und beinahe Unsterblichkeit geschützt ist?

Zum Schluss stellt Dr. Dolle-Weinkauf noch die Frage, wie die Autoren zu Übersetzungen ihrer Werke in andere Medien wie Filme oder Comics stehen. In solchen Fällen entscheidet man nicht einsam und allmächtig über seine Figuren und die Handlung, sondern muss andere die eigenen Geschichten überarbeiten lassen. Jenny-Mai Nuyen war noch nicht in dieser Situation. Da sie aber in New York Film studiert, ist für sie auch die entgegengesetzte Perspektive von Belang. Sie kann, wenn sie das Werk eines anderen als Film adaptiert, nicht frei entscheiden, sondern muss anderen gegenüber ihre Entscheidungen begründen. Ebenso müssen die anderen ihre Einwände und Änderungswünsche begründen und vertreten, was nach Meinung der Autorin zu neuen Ideen und Anregungen führen kann.

Für Kai Meyer ist es sehr wichtig, dass er Vertrauen zu demjenigen hat, der seine Romane überarbeitet. Manche Leute lässt er einfach machen, da er weiss, dass sie gute Arbeit leisten. Bei anderen liefert er schon mal umfangreiche Korrekturen der Drehbuchentwürfe oder bläst ein Projekt gleich ganz ab. Wolfgang Hohlbein findet es spannend, dass die Geschichte bei einem Überarbeiter möglicherweise einen ganz anderen "Film im Kopf" auslöst als beim Autoren selbst. Dabei kann es durchaus passieren, dass dieser neue innere Film ihm gar nicht gefällt.

Daten dieses Berichts
Bericht vom: 11.10.2007 - 23:26
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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