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Hohlwelt

Story:
Im Jahr 1836 bewirtschaftet die Familie Reynolds eine kleine Farm in Virginia. Der Sohn des Farmers, Mason, bekommt eine wichtige Aufgabe anvertraut: Er soll den Gegenwert der Ernte des gesamten Jahres, drei große Fässer Whisky, in der nächsten Stadt verkaufen. Außerdem soll er eine Braut für den Sklavenjungen Otha besorgen, und dem befreundeten Richter Perrow seine Aufwartung machen. Auf Lucy, die Tochter des Richters, hat Mason ein Auge geworfen. Alles nichts, womit ein tüchtiger junger Gentleman nicht fertig werden würde, nicht wahr?

Tatsächlich geht alles schief: Lucy schwärmt für einen schneidigen Offizier, und Mason lässt sich das Geld für den Whisky abluchsen. Sein waghalsiger Plan, die Goldmünzen zurückzustehlen, macht alles nur noch schlimmer, und bald werden er und Otha als Räuber und Mörder gesucht – von genau dem Sheriff, den Mason vorher überheblich abgefertigt hatte... Die beiden Jugendlichen müssen fliehen, und landen schließlich in Richmond. Dort trifft Mason auf seinen Lieblingsschriftsteller, Edgar Allan Poe. Der hat es sich in den Kopf gesetzt, eine umstrittene Theorie zu beweisen: Nach Ansicht einiger ist die Erde hohl, und durch zwei Löcher, jeweils am Nord- und am Südpol, kann man zu ganz neuen Welten im Inneren gelangen. Mason und Otha schließen sich der Expedition an, die die Existenz der Hohlwelt beweisen soll.

Meinung:
Kurz zur Beruhigung: Natürlich gibt es weder am Nord- noch am Südpol große Löcher, die ins Innere einer hohlen Erde führen. Zumindest auf unserer Erde gibt es sie nicht... Die Theorie wurde im 19. Jahrhundert allerdings sehr wohl ernsthaft diskutiert, und manche hängen ihr bis heute an. Rudy Rucker hat aus der Grundidee eine Geschichte, wie er es formulierte, "in a Poe-like spirit of playful hoaxery" geschaffen.

Damit trifft er das Wesen der Geschichte auf den Punkt. "Hohlwelt" ist ein sehr gutes Abenteuergarn, das an vielen Stellen beispielsweise an die Jules Verne-Verfilmungen der 1960er und 1970er und ähnliche Geschichten erinnert. Die kleine Gruppe Abenteurer, der sich Mason Reynolds anschließt, muss sich auf ihrem Weg ins Innere der Erde vielen Gefahren stellen und trifft auf faszinierende Kreaturen und Phänomene. Dabei spart Rucker nicht mit Ideen, die weit über die "üblichen Verdächtigen" aus anderen fantastischen Abenteuern hinausgehen. Oder hat man irgendwo sonst schon einmal von ganzen Dörfern gehört, die in den Blütenständen gigantischer Korbblütler leben?

Dabei hat man stets den Eindruck, dass der Autor nicht nur seine Fantasie spielen lässt, sondern sich hinter fast allem auch eine tiefere Bedeutung verbirgt. Hier dürfte ihm zugute gekommen sein, dass er nicht "nur" Schriftsteller ist. Der 1946 in Kentucky geborene Rudy Rucker gilt als einer der Mitbegründer des Cyberpunk, William Gibson bezeichnet ihn einmal als "einen Nationalschatz der amerikanischen Science Fiction". Berühmt machten ihn vor allem die Romane "Software" (1982) und "Wetware" (1988). Außerdem ist Rucker studierter Mathematiker mit Doktorgrad und lehrte an verschiedenen Universitäten an der Schnittstelle von Mathematik, Informatik und Philosophie. In seinem Lebenslauf wechseln sich Zeiten der wissenschaftlichen Forschung und Lehre mit schriftstellerischer Arbeit ab, aber die Themen in beiden Phasen ähneln sich oft. Beispielsweise befasst sich die "Ware-Tetralogie" deren beiden ersten Bände "Software" und "Wetware" sind, mit der Verwendung natürlicher Selektion in der Softwareentwicklung, der Roman "Weißes Licht" erforscht das Konzept der Unendlichkeit. Rudy Ruckers Ur-Ur-Urgroßvater war übrigens einigen Quellen zufolge der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In "Hohlwelt" fällt die Mathematik vor allem im "Nachwort des Herausgebers" auf. Denn Rucker verkauft dem Leser seinen Roman als ein authentisches Manuskript aus dem 19. Jahrhundert, das er in der Edgar Allan Poe Collection der Universität von Virginia gefunden habe. Hinter der angegebenen Katalognummer verbirgt sich jedoch tatsächlich ein Buch von John Cleves Symmes, Jr., einem der bekanntesten Verfechter der Hohlwelt-Theorie. In diesem Nachwort jedenfalls macht Rucker deutlich, dass die physikalischen Eigenschaften seiner hohlen Version unseres Planeten nicht allein dramaturgischen Notwendigkeiten geschuldet sind. Denn wenn man davon ausgeht, dass sich im Zentrum der Erde ein Schwarzes Loch befindet, wären die beschriebenen Verhältnisse aufgrund der damit verbundenen sogenannten Einstein-Rose-Brücke durchaus plausibel.

Man muss aber keinen Doktor in Mathematik oder Physik haben, um dieses Buch zu lesen. In erster Linie ist "Hohlwelt" eine spannende Abenteuergeschichte. Neben den bereits erwähnten Anklängen an Jules Verne versucht sich der Autor besonders am Anfang auch an eine Hommage an Mark Twains Südstaaten-Geschichten. Das allerdings gelingt ihm weniger gut. Die ersten etwa fünfzig bis sechzig Seiten wirken regelrecht bemüht, als würde der Autor seinem Leser ins Ohr rufen, "Guck mal! Wie Tom Sawyer! Wie Huck Finn!". Diese Annäherung will aber nicht funktionieren, und so wirkt das stete Bemühen des Autors vor allem nervend. Mancher könnte versucht sein, den Roman an diesem Punkt bereits beiseite zu legen. Das wäre aber schade, denn spätestens ab dem Beginn der Flucht von Mason und Otha ist diese Phase vorbei und die Geschichte liest sich erheblich besser.

Edgar Allan Poe, oder besser gesagt diese Version von "Eddie", ist nicht nur ein wichtiger Charakter, auch an die dunklen Werke dieses Schriftstellers nähert sich Rucker gelegentlich an. So ist beispielsweise das Ende von Eddies Ehefrau nichts für schwache Nerven. Auch sonst könnten sehr junge Leser mit dem Roman überfordert sein, da es doch einiges an Blutvergießen und auch Leichen gibt. Der Umgang mit den neu entdeckten Ökosystemen mag stimmig sein für die Zeit, in der die Geschichte spielt. Heutigen Lesern fällt jedoch übel auf, wenn die Protagonisten beispielsweise von neu entdeckten Tieren erst mal ein paar Dutzend erlegen – die Pelze lassen sich nach der Rückkehr bestimmt teuer verkaufen. Etwas grimmige Befriedigung gibt, das durchaus in dem einen oder anderen Fall die Natur "zurückschlägt".

Negativ fällt auch auf, wie Mason die Frau seines Lebens kennenlernt. Seela entstammt aus einer völlig anderen Kultur, sprich eine völlig andere Sprache, aber man liebt sich wortwörtlich auf den ersten Blick. Böse ausgedrückt, könnte man es in einen Tagebucheintrag fassen: "Habe heute meine große Liebe getroffen. Und was fange ich mit dem Rest des Tages an?". Da passt ins Bild, dass der Autor kurz darauf spätere Ereignisse anteast. Für eine allmähliche Annäherung zwischen zwei Jugendlichen ist keine Zeit.

Die geschilderten Punkte sind allerdings eher Detailskritiken an einem insgesamt sehr guten Roman, der einfach Freude macht. Die Protagonisten geraten von einer bedrohlichen Situation in die nächste, und nicht immer reagieren sie klug. Liebenswert und psychologisch glaubwürdig sind sie jedoch alle, selbst der zwischen Wahnsinn und Skrupellosigkeit schwankende Eddie. Positiv fällt auf, wie sorgsam Rucker einmal begonnene Fäden zu Ende bringt. Nicht jeder Autor hätte beispielsweise den Liebhaber von Masons Schwarm Lucy oder den Anführer des Sklavenaufstands am Ende nochmal aufgegriffen und eingebunden.

Insgesamt ist "Hohlwelt" ein Klassiker, der nur aufgrund der geschilderten Mängel recht knapp an einem Splash-Hit vorbeischrammt.

Fazit:
"Hohlwelt" ist ein spannender Abenteuerroman, der nur aufgrund weniger Mankos an der Auszeichnung als Splash-Hit vorbeischrammt. Rudy Rucker zeigt nicht nur sein schriftstellerisches Talent und seine Fantasie, sondern auch sein naturwissenschaftliches und philosophisches Hintergrundwissen. Wer erkennt, wie sorgfältig die Welt des Romans konstruiert ist, hat nochmal mehr Freude an ihm, aber auch ansonsten ist diese Abenteuergeschichte ein "Klassiker".

Hohlwelt - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Rudy Rucker
Hohlwelt
The Hollow Earth

Übersetzer: Kurt Bracharz
Erscheinungsjahr: 1997



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

ISBN:
3-453-12663-7

381 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Sehr gutes Abenteuergarn
  • Viele neue, frische Ideen
  • Wer genauer hinschaut, sieht wie planvoll die Welt des Romans konstruiert ist...
  • ... wer darüber hinwegsieht, hat trotzdem seine Freude
Negativ aufgefallen
  • Der Anfang lehnt sich zu zu bemüht an Mark Twain an und ist nicht repräsentativ für den gesamten Roman
  • Die große Liebe des Ich-Erzählers wird mal eben nebenbei eingeführt
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Rezension vom: 06.08.2012
Kategorie: Fantasy
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