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Die dritte Simulation

Story:
Eigentlich hatte er feststellen wollen, wann genau ein Mensch tot ist. Ein traumatisches Erlebnis in seiner Studienzeit hat den Forscher Peter Hobson zur Entwicklung eines Geräts geführt, das die elektrochemischen Entladungen jedes einzelnen Neurons im Gehirn messen kann. Wenn das letzte Neuron gefeuert hat, ist der Mensch nachgewiesen hirntot, und er kann beispielsweise als Organspender dienen.

Aber schon bei den ersten Messungen entdeckt Peter etwas Erstaunliches: Bis zum Schluss hält sich in klar abgrenztes Aktivitätsmuster, das im Augenblick des Todes den Körper verlässt. Peter hat offenbar das neuronale Äquivalent zur menschlichen Seele entdeckt und bewiesen, dass es so etwas wie Leben nach dem Tod tatsächlich gibt.

Nun stürmen natürlich alle mit Fragen auf ihn ein: Wenn die Seele am Ende den Körper verlässt, wie und wann betritt sie ihn am Beginn? Haben auch Tiere eine Seele? Und wie genau ist das Leben nach dem Tod? Um die letzte Frage zu beantworten, erschafft Peter drei Simulationen. Die neuronalen Vernetzungen seines Gehirns werden ausgelesen und in einem Computer nachgestellt. An zweien der Kopien werden Veränderungen vorgenommen, die sie das Leben nach dem Tod erleben lassen sollen. Die dritte Simulation ist die Kontrolle, der Nullversuch.

Aber wenn die Simulationen exakte Kopien von Peters Persönlichkeit und Wissen sind, abzüglich der Veränderungen, dann sollten sie auch wissen, wie man die Beschränkung auf die Versuchscomputer überwinden kann. Dann sollten sie auch wissen, wie man auf Konten von Peters Firma Zugriff bekommt. Dann sollten sie auch wissen, dass man für Geld in der realen Welt fast alles kaufen kann – auch einen Mord...

Meinung:
Robert J. Sawyers Roman ist zwar schon bald zwei Jahrzehnte alt, aber die Fragen, mit denen er sich befasst, sind ewig: Was passiert nach dem Tod? Gibt es so etwas wie eine Seele? Wann können wir wirklich sicher sein, dass ein Mensch tot ist, etwa weil wir ihm Organe entnehmen wollen oder die lebenserhaltenden Maschinen für einen anderen Patienten brauchen? Ab wann genau ist ein menschlicher Fötus ein Mensch, beispielsweise im Bezug auf eine Abtreibung? Haben auch Tiere eine Seele, und wenn ja, alle oder nur solche, die uns Menschen ähnlich sind? Und welche ethischen, gesellschaftlichen, rechtlichen und anderen Konsequenzen ergeben sich daraus, wenn wir auf einmal die Antworten auf diese Fragen bekommen?

Diese Überlegungen stehen im Zentrum des Romans. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass die ganze Geschichte eher ein Vorwand ist, um über diese Themen nachdenken zu können. Die Innensicht von Peter Hobson macht weite Teile des Buches aus, um so mehr, wenn man diejenigen der drei "weiteren Peters", also der Simulation mit einrechnet. Klassische Abenteueraction gibt es fast gar nicht. Trotzdem ist "Die dritte Simulation" durchaus spannend, wofür nicht zuletzt ein Kunstgriff des Autors sorgt: Zu Beginn steht ein kurzer Prolog in der erzählerischen Gegenwart, der den Rest des Buches quasi als Rückblende einleitet. Dadurch weiß man, auf welchen Klimax die Geschichte zusteuert, und kann auch die Notwendig des Wegs dorthin besser verstehen.

Der ist nämlich nicht einfach. Speziell im ersten Drittel leidet man ziemlich intensiv mit Peter mit, wenn er beispielsweise aufgrund eines traumatischen Erlebnisses während des Studiums beginnt, über den exakten Zeitpunkt des Todes nachzudenken, oder wenn die Ehe mit seiner geliebten Frau immer weiter zu zerbröckeln scheint. Da kann man schon einmal in Versuchung kommen, das Buch zur Seite zu legen, denn warum sollte man sich das antun? Aber man liest dann doch weiter, eben weil man wissen will, wie der Autor von dort zur Situation im Prolog kommt und wie er am Ende alles auflöst.

Diese nicht nur emotionale Intensität ist einer der Gründe, warum "Die dritte Simulation" nicht für zu junge Leser geeignet ist. Andere sind die durchaus knackigen philosophischen, ethischen und moralischen Fragen, die der Roman aufwirft. Stoff für einen unbeschwerten Lesenachmittag bietet Robert J. Sawyers Geschichte nicht.

Eine interessante Idee ist auch der unregelmäßig eingestreute "Nachrichtenüberblick". Das sind kurze Meldungen, die die Reaktionen auf Peters Entdeckung illustrieren: Radikale Feministenorganisationen verurteilen die Idee, dass Föten ab einem bestimmten Zeitpunkt eine Seele haben, als erneuten Versuch der Männer, Macht über den Körper der Frau auszuüben. Auf der anderen Seite demonstriert eine Anti-Abtreibungsorganisation vor einer Klinik, weil auch Abtreibungen vor diesem Zeitpunkt immer noch eine Sünde seien. Der Ku-Klux-Klan gibt bekannt, dass die angeblichen Seelen, die auch bei farbigen Menschen nachgewiesen worden sein sollen, doch offenkundig eine Fälschung sein müssten. Ein Serienmörder verteidigt sich mit dem Hinweis, während seiner Taten habe er außerkörperliche Erfahrungen gemacht. Seine Seele sei während der Morde also nicht in seinem Körper gewesen und er damit nicht für die Taten verantwortlich. Und natürlich gibt es längst Schmuckstücke nach dem Muster der Seelen im Gehirn, für nur 59 Dollar 99.

Diese kleinen Schnippsel bieten weiteren Stoff zum Nachdenken, was überhaupt die Stärke des Romans ist, geistige Anregung und Inspiration nämlich. Wer leichte Unterhaltung sucht, ist hier an der verkehrten Stelle. Man sollte auch ein gewisses Maß an Allgemeinbildung mitbringen, Begriffe wie "exzitatorischer synaptischer Reiz" werden ohne weitere Erklärung verwendet.

Robert James Sawyer ist, wie sein Protagonist, Kanadier. Er hat über zwanzig Romane veröffentlicht, plus eine Reihe von kürzeren Geschichten in Magazinen und Anthologien. Für seine Werke erhielt er mehr als 40 Auszeichnungen, darunter den Nebula Award, den Hugo Award und den John W. Campbell Memorial Award. Den Nebula erhielt er 1995 für "Die dritte Simulation" als besten Roman. Die unerforschten Lande zwischen Wissenschaft und Religion haben ihn schon häufiger beschäftigt.

An einer Stelle merkt man das Alter des Romans übrigens doch, und zwar wenn es um Technik geht. "Gigabytes von Daten" werden als Synonym für "richtig, richtig viele Daten" verwendet, und Disketten sind ein allgemein gebräuchliches Speichermedium. Aber das sind nur Randerscheinungen, die das Vergnügen an einem guten, wenn auch nicht einfachen Roman nicht wirklich trüben können.

Fazit:
"Die dritte Simulation" ist guter Science Fiction-Award, der aber eher geistige Stimulation bietet als klassische Abenteueraction. Trotzdem ist der Roman sehr wohl spannend und intensiv. Die Protagonisten und mit ihnen die Leser sehen sich mit essentiellen Fragen des Menschseins konfrontiert, wie "Wann genau ist ein Mensch tot?" oder "Haben auch Tiere eine Seele?". Diese Überlegungen und die Schlussfolgerungen daraus nehmen einen Großteil des Romans ein.

Die dritte Simulation - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Robert J. Sawyer
Die dritte Simulation
The Terminal Experiment

Übersetzer: Cecilia Palinkas
Erscheinungsjahr: 1997



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Goldmann Verlag

ISBN:
3-442-24758-6

343 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Eine relativ einfache Geschichte ist Verpackung für anregende Überlegungen zu essentiell menschlichen Fragen
  • Der Autor schafft es mit interessanten Kunstgriffen, Spannung und Intensität aufrechtzuerhalten
Negativ aufgefallen
  • Wer reine Unterhaltungslektüre sucht, ist hier nicht an der richtigen Adresse
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Rezension vom: 14.05.2012
Kategorie: Rezensionen
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