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Master Matthew Shardlake 01: Pforte der Verdammnis

Story:
1537 ist in England die Reformation im vollen Gange. König Heinrich VIII. hat sich von Rom losgesagt und sich selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche erklärt. Sein Generalvikar Thomas Cromwell geht gegen die verbleibenden "Papisten", die Anhänger des Katholizismus, mit allen Mitteln vor.

Unter anderem will Cromwell die noch bestehenden Klöster zerschlagen. Einer seiner Kommissare soll in der Benediktinerabtei bei Scarnsea nach Verfehlungen schnüffeln, mit denen man die Klosteroberen unter Druck setzen kann, damit sie sich "freiwillig" unterwerfen. Aber der Beauftragte des Generalvikars wird in der Klosterküche enthauptet aufgefunden.

Der Rechtsanwalt Matthew Shardlake, ebenfalls ein Gefolgsmann Cromwells und überzeugter Anhänger der Reformation, soll den Fall schnell und ohne viel Aufsehen klären. Aber in Scarnsea angekommen, muss Shardlake schnell feststellen, dass sich hinter den Klostermauern noch tiefere Abgründe auftun als er dachte. Und auch seine eigenen Überzeugen werden auf eine harte Probe gestellt.

Meinung:
Vom römischen Londinium bis zur Zeit Königin Viktorias, es gibt inzwischen wohl kaum noch eine Epoche der englischen Geschichte, in der nicht mindestens ein Autor seine historischen Kriminalromane spielen lässt. C. J. Sansom lässt seinen Master Matthew Shardlake zur Zeit Thomas Cromwells agieren.

Damals liegt England im Streit zwischen den Anhängern des alten, katholischen Glaubens und denjenigen, die die Kirche reformieren und den Glauben reinigen wollten – wenn es sein muss, mit allen Mitteln. Mit Thomas Cromwell ist ein geradezu fanatischer Anhänger der Reformation zum zweitmächtigsten Mann hinter König Heinrich persönlich aufgestiegen. Wer sich gut mit dem Generalvikar stellt, kann es weit bringen. Aber wer seinen Plänen im Wege steht, hat nichts Gutes zu erwarten.

Entsprechend zerissen und ambivalent zeichnet Sansom auch seinen Protagonisten. Der ist nur ganz zu Beginn davon überzeugt, dass auf seiner Seite, auf der Seite der Reformation, im Zweifel die Guten stehen und die "Papisten" die Bösen sind. Die Sympathie des Lesers lenkt der Autor sogar eher auf die andere Seite. Die Mönche, mit denen Shardlake es im Kloster zu tun bekommt, sind zwar längst keine Heiligen. Da gibt es Sadisten, sexuell Übergriffige, kaltherzige Erbsenzähler und einen Abt, der sich mehr der Jagd als der Amtsführung widmet. Aber Sansom zeichnet sie sympathisch, einfach menschlich, während die Sympathisanten Lord Cromwells im Zweifel entweder Fanatiker oder raffgierige Opportunisten sind.

Ausnahmen von letztgenannten sind Shardlakes Assistent Mark und der Commissarius selbst. Und beide werden im Laufe des Buches immer mehr von Zweifeln geplagt, ob die Sache, der sie sich verschrieben haben, wirklich alle Mittel rechtfertigt. Sansom hat mit Matthew Shardlake einen interessanten, dreidimensionalen Charakter geschaffen, der ohne weiteres eine Romanserie tragen kann. Das soll er in der Folge auch tun, "Pforte der Verdammnis" ist der erste von bisher fünf Romanen.

Der Auftakt ist, um das Thema wieder aufzugreifen, ambivalent gelungen. Schreiben kann Sansom in jedem Fall, und so wird man mit Master Shardlake schnell "warm". Allerdings tendiert der Autor auch zur Weitschweifigkeit. Von den rund 480 Seiten hätte man sicher ein Fünftel kürzen können, insbesondere bei den teilweise sehr ausführlichen Ortsbeschreibungen. Vielen historischen Krimis ist eine Karte der Schauplätze beigegeben, hier wäre sie hilfreich gewesen, anstelle ziemlich vieler Worte. Als Leser ist man manchmal regelrecht frustriert, weil man einfach nicht so recht vorwärts kommt. So großzügig wie mit Worten ist Samson auch mit Charakteren. Speziell wenn Master Shardlake und Mark im Kloster eintreffen, ist es nicht leicht, die verschiedenen Mönche, ihre Namen und Ämter auseinanderzuhalten.

Hat der Leser diese Hindernisse jedoch überwunden, wird er mit einem gelungenen historischen Roman belohnt. Nach und nach bekommen die Figuren immer mehr Konturen, es gibt wie gesagt keine stereotype Gut-Böse-Verteilung, und der Protagonist und Held ist ebenfalls menschlich und fehlbar. Letzteres wirkt sich auch auf den Kriminalfall aus, da Shardlake nicht wie andere Detektive mit einem kurzen Blick die Zusammenhänge erkennt und den Täter entlarvt. Stattdessen, so viel sei verraten, hat er genügend Grund, sich selbst die Schuld zu geben, den Fall nicht schnell genug aufgeklärt zu haben. Am Rande sei bemerkt, dass der Autor erfreulicherweise von einem oft bemühten Klischee abweicht.

Der Kriminalfall zieht sich zwar durch den gesamten Roman, steht aber nicht im Zentrum. Stattdessen sind die Verbrechen eher die Mittel, mit denen der Autor seine Charaktere weiterentwickelt, allen voran Shardlake und Mark. Für Spannung ist trotzdem gesorgt, nicht zuletzt durch zwei Kunstgriffe: Den Commissarius würde man heute körperbehindert nennen, was sich natürlich auf Verfolgungsjagden und ähnliches auswirkt. Und in einem England, das von der Auseinandersetzung zwischen altem Glauben und reformatorischen Eifer geprägtund voller Spitzel ist, weiß Shardlake nie, wem er trauen kann. Dass sich in der Abtei ein ganzes Netz aus verschiedenen, kleinen und großen Missetaten entspinnt, tut ein Übriges.

Ein wenig erinnert "Pforte der Verdammnis" an den Klassiker "Der Name der Rose". Natürlich kann sich C. J. Samson längst nicht mit Umberto Eco vergleichen, aber einige Aspekte sind erstaunlich ähnlich. Beispielhaft genannt seien der Schauplatz, die Rolle des Glaubens und ein Kriminalfall, der eher Mittel zum erzählerischen Zweck als selbst Zentrum der Geschichte ist.

C. J. Sansom wurde in Edinburgh geboren und studierte Geschichte an der Universität von Birmingham, wo er auch promovierte. Nachdem er sich in verschiedenen Berufen versucht hatte, orientierte er sich um und wurde Rechtsanwalt für benachteiligte Klienten. Seine Romanserie um Master Matthew Shardlake brachte ihm großen Erfolg ein, und seit einiger Zeit widmet er sich vollständig dem Schreiben. Unter anderem gewann er 2005 den Ellis Peters Historical Dagger der Crime Writer Association. 2007 konnte er den ebenfalls von der CWA vergebenen Preis "Dagger in the Library" zwar nicht gewinnen, wurde aber als "sehr zu empfehlen" für seine Shardlake-Reihe benannt.

Der Originaltitel "Dissolution" trifft das Buch recht gut. Nicht nur sorgt die Reformation dafür, dass sich jahrhundertealte Traditionen und Gewissheiten auflösen, auch Shardlakes eigene Überzeugungen unterwirft die Geschichte einem Erosionsprozess. Im Englischen kann "Dissolution" in etwa "Auflösung" bedeuten, aber auch "Verfall", je nach Sichtweise. Der deutsche Titel "Pforte der Verdammnis" wirkt da im Vergleich etwas bemüht.

Wenn man als Leser bereit ist, sich zwischendurch durch ein Stück Weitschweifigkeit zu arbeiten, wird man mit einem unterhaltsamen Roman belohnt, der Lust auf die Fortsetzungen macht. Vielleicht schreibt C. J. Sansom in ihnen ja etwas knapper. Dann könnten es richtig gute historische Krimis werden.

Fazit:
Das erste Abenteuer von Master Shardlake zu Zeiten Thomas Cromwells ist ein guter historischer Kriminalroman, der jedoch unter der Weitschweifigkeit des Autors leidet. Nicht zuletzt bei den Ortsbeschreibungen hätte man gut kürzen können. Die Charakterarbeit überzeugt jedoch. Insgesamt macht der erste Band der Serie Lust auf die Fortsetzungen.

Master Matthew Shardlake 01: Pforte der Verdammnis - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

C. J. Samson
Master Matthew Shardlake 01: Pforte der Verdammnis
Dissolution

Übersetzer: Irmengard Gabler
Erscheinungsjahr: 2012 (Neuauflage)



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Fischer Taschenbuch Verlag

Preis:
€ 8,95

ISBN:
978-3-596-51243-0

480 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Schreiben kann der Autor...
  • Gute Charakterarbeit...
  • Ein solider Kriminalfall, der zur Weiterentwicklung der Charaktere genutzt wird
Negativ aufgefallen
  • ... aber insbesondere bei den Ortsbeschreibungen hätte man doch ordentlich kürzen können
  • ... auch wenn man stellenweise Gefahr läuft, den Überblick über die vielen Charaktere zu verlieren
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Rezension vom: 11.03.2013
Kategorie: Historisches
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