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Hyddenworld 1: Der Frühling

Story:
Die meisten Menschen haben es längst vergessen oder nie gewusst, aber unsere Welt ist nicht die einzige. Da ist noch die Hyddenworld, eng verwoben mit dem, was wir Realität nennen, aber unsichtbar für unsere Augen, bevölkert von den kleinen Leuten. Aber an bestimmten Orten berühren sich die beiden Welten, und manchmal müssen Menschen und Hydden gemeinsam ihr Schicksal erfüllen, um große Gefahren abzuwenden. Eine besondere Rolle spielen dabei die Jugendlichen Jack und Katherine, denen viele Abenteuer bevorstehen.

Meinung:
Die meisten Autoren würden sich damit zufrieden geben, ein gutes Buch zu schreiben. William Horwood schreibt gleich drei oder vier gute Bücher und macht daraus ein richtig gutes Ganzes. Und das ist auch noch "nur" der erste Band einer geplanten vierbändigen Reihe.

Die Geschichte von Jack und Katherine wäre auch als einfacher Liebesroman lesenswert gewesen: Ein sechs Jahre alter Junge taucht plötzlich an der Tür eines Kinderheims auf. Als er nach London zu seinem Betreuer gebracht werden soll, fährt die Familie der gleichaltrigen Katherine zufällig denselben Weg und nimmt Jack, wie er genannt wird, gerade mit. Aber es kommt zu einem schweren Unfall, Katherines Vater stirbt, Jack und Katherines Mutter erleiden schwere Verletzungen. Über die Zeit entfremden sich die beiden Kinder, bis sie sich zehn Jahre später wiedersehen und feststellen, dass ihre Freundschaft wieder auflebt. Oder ist es mehr als Freundschaft?

Der Tonfall, mit dem Horwood diesen Teil erzählt, ist sehr emotional geprägt, aber meilenweit vom Kitsch entfernt. Der Leser begibt sich mit auf den Weg, auf dem Jack und Katherine sich nach und nach ihrer Gefühle für einander bewusst werden, sich vorsichtig in die unbekannten Gefilde des Erwachsenseins vortasten, aber auch von Hindernissen zurück (oder besser, weiter auseinander?) geworfen werden.

Dann ist da noch die Geschichte der Hyddenworld, die alleine ebenfalls einen guten Roman ergeben hätte. Die kleinen Leute halten sich eigentlich von den Menschen fern, mit den anderen Sterblichen Kontakt aufzunehmen ist ein großes Tabu. Aber als die Zeit näherrückt, in der sich eine uralte Prophezeiung bewahrheiten wird, müssen alle zusammenarbeiten, um das Ende aller Welten zu verhindern. Das Szenario erinnert zunächst an Terry Pratchetts Nornen-Trilogie, beim Lesen gibt es vor allem Anklänge an Charles de Lints "Das kleine Land".

Die Hyddenworld selbst ist Schauplatz einer sehr gelungenen und spannenden Abenteuergeschichte. Mindestens drei Fraktionen mischen mit, wodurch die Geschichte häufig regelrecht Haken schlägt. Diese verblüffen zwar beim Lesen, aber der Autor schafft es, sie folgerichtig wirken zu lassen. Im Nachhinein stellt man fest, wie logisch es eigentlich war, dass es so weiterging und nicht, wie man es zunächst erwartet hatte. Dabei spielt Horwood auch geschickt mit den Erwartungen erfahrener Fantasy-Leser. So wird beispielsweise angedeutet, dass der einzige aus einer Gruppe, der einen Heißluftballon zu steuern versteht, bei einer wilden Flucht mit dem Gefährt zurückbleiben könnte. Natürlich bleibt er auch zurück, und der Leser erwartet, dass der der nächste Teil der Abenteuer jetzt in dem Versuch der anderen besteht, den Ballon irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Aber nein, Horwood lässt den Piloten doch noch in letzter Sekunde in den Korb gelangen und beginnt quasi im selben Atemzug mit dem nächsten Abenteuer in einer Richtung, die die meisten Leser nicht auf dem Zettel gehabt haben dürften.

Und dann ist da noch, was man als comic relief bezeichnen könnte. Die Eskapaden von Bedwyn Stort mit seiner improvisierten Taucherausrüstung oder der fettleibige Hochaltermann auf Diät sind Sternstunden der Komik. Dabei benötigt der Autor keine ungeschlachten Schenkelklopfer, sondern bringt schlicht die vorher etablierten Figuren in passende Situationen und "lässt sie machen". Hier braucht sich Horwood nicht vor Größen wie Terry Pratchett und seiner Scheibenwelt zu verstecken. Die Diskussionen zwischen Festoon auf halb freiwilligem Abnehmtripp und seinem Leibkoch und besten Freund Parlance erinnern außerdem an die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, wie bei einem Gericht, dem der Koch mit einem Hauch orientalischer Gewürze den besonderen Pfiff gegeben hat.

Die Charaktere werden dabei nie lächerlich gemacht, man lacht mehr mit ihnen als über sie. Und auch hier schafft der Autor es häufig, seine Leser zu überraschen. Festoon und noch mehr Parlance beispielsweise wirken zunächst wie Nebenfiguren, die für ein paar Seiten die Handlung vorantreiben und anschließend abtreten werden. Aber auch hier kommt es anders als man erwartet, und beileibe nicht schlechter. Andere Charaktere verschwinden über hunderte von Seiten, um dann wie der berühmte Kai aus der Kiste wieder aufzutauchen. Und alle von ihnen, von den Hauptcharakteren bis zur kleinsten "Nebenrolle", zeichnet der Autor dreidimensional, alle haben wenigstens eine kleine Hintergrundgeschichte, alle haben negative wie positive Seiten. Natürlich gibt es etwa die namenlosen Soldaten, die ohne ein weiteres Wort in der Schlacht sterben. Aber es scheint auf eine Faustregel hinauszulaufen: Wenn eine Figur einen Namen bekommt, bekommt sie auch eine Geschichte und Gestalt.

All das bindet Horwood ein in ein Universum, das im positiven Sinn geradezu tolkinesk wirkt. Der Vergleich mit dem Großmeister der epischen Fantasy mag zum Standardrepertoire der einschlägigen Pressemitteilungen und Klappentexte gehören, aber hier ist er gerechtfertigt. Horwood erschafft scheinbar mühelos im Wortsinne ein ganzes Universum mit einer komplexen Mythologie, das nicht nur Platz für die bereits angesprochenen Handlungsstränge und weitere bietet, sondern genügend Raum übrig lässt für viele, viele weitere Geschichten, die (noch) nicht erzählt werden. Bereits hier, im ersten Band, wünscht man sich, dass man die Hyddenworld nicht "schon" nach vier dicken Bänden wieder hinter sich lassen muss. Tolkien hat ja außer dem Herrn der Ringe auch "Der Hobbit" geschrieben, und das Silmarillion, und die "Nachrichten aus Mittelerde" und so fort. Und tatsächlich deutet Horwood an einigen Stellen an, dass manches, was hier nur kurz umrissen wird, noch Stoff für genauere Betrachtungen werden könnte.

In diesem Roman jedenfalls verbindet der Autor all die unterschiedlichen Zutaten, Handlungsstränge und Tonfälle zu einem richtig gelungenen Ganzen. Alles wirkt stimmig und zueinander passend, auch wenn, hier ebenfalls, manchmal überraschend ist, an welchen Faden Horwood an der jeweiligen Stelle wieder anknüpft. Das Ergebnis ist erstaunlich ambivalent: Einerseits wirkt die Erzählung beinahe "wirklich", eben wie von einem Autoren erzählt und nicht erfunden. Da ist nichts, was einem als sichtbarer Kunstgriff des Autors sozusagen ins Gesicht springt. Auf der anderen Seite funktioniert die berühmte suspension of disbelief, das zeitweise Abschalten der Zweifel an erfundenen Geschichten mit all den Dingen, die eigentlich unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich sind, fast überhaupt nicht. Das ist jedoch, ganz im Gegensatz zu den allermeisten anderen Romanen, wo dieses Phänomen auftritt, überhaupt nicht als Kritik gemeint. Der Leser bleibt sich bewusst, dass die Geschichten um Jack, Katherine, Bedwyn Stort und all die anderen ein sehr gelungen erzähltes Garn sind. Und er genießt, wie versiert ihm dieses Garn erzählt wird.

Auch interessant ist, das der erste Band von Hyddenworld kein, um einen weiteren Anglizismus zu verwenden, page turner ist. Im Gegenteil, gelegentlich dürfte zumindest einige Leser das Bedürfnis überkommen, das Buch für einige Zeit beiseite zu legen und das auf den Seiten Erlebte durch Bewegung regelrecht zu verarbeiten. Es könnte also durchaus vorkommen, dass man mit dem Buch in der Hand schmökernd durch die Räume marschiert.

Im englischen Original ist bereits der zweite Band der Hyddenworld-Tetralogie erschienen. Ursprünglich war geplant, die vier Bände nach den vier Jahreszeiten zu benennen und auch in den entsprechenden Jahreszeiten zu publizieren. Entsprechend erschien der erste Band, "Spring" im Frühjahr 2010, die deutsche Übersetzung, "Frühling", im Frühjahr 2012. Der zweite Teil folgt im Original im Sommer 2011, erhielt aber einen neuen Titel, den William Horwood als passender zu der Richtung empfand, in die sich die Geschichte mittlerweile entwickelte. Das Buch heißt nun "Awakening". Der dritte Band ist unter dem Titel "Harvest" für den Herbst 2012 geplant. Wie der deutsche Verlag Klett Cotta auf Anfrage von Splashbooks mitteilte, sollen auch die deutschen Ausgaben diesen Wechsel mitmachen und die folgenden Bände voraussichtlich "Das Erwachen" und "Die Ernte" heißen. Nur die Erscheinungsweise nach den Jahreszeiten kann hierzulande offenbar nicht ganz übernommen werden, jedenfalls ist "Das Erwachen" für Frühjahr 2013 angekündigt statt für den Sommer.

Wer bis dahin Bedarf an weiterem Horwood-Stoff hat, kann beruhigt sein, denn die Hyddenworld ist nicht sein erstes Werk. Der Autor wurde 1944 in Oxford geboren und ist im englischen Kent aufgewachsen. Seine Familienverhältnisse sind komplex, und er verbrachte im Grundschulalter einige Jahre in Pflegefamilien. Ein Jahr ging er auch in Deutschland zur Schule. Inwieweit es ihm hierzulande gefallen hat, sei dahingestellt, aber Eindruck gemacht hat es auf alle Fälle: Die Sippe der Sinistral, die die Hyddenworld im eisernen Griff ihrer Macht hält, stammt aus Deutschland, aber auch der junge Jack wird einige Zeit bei den widerständlerischeren Hydden im Harz versteckt. Nach der Schule studierte William Horwood Geographie an der Universität von Bristol, wo er 1966 seinen Abschluss machte. Danach arbeitete er in einer Vielzahl von Jobs, unter anderem als Redakteur bei der London Daily Mail. Im Alter von Mitte Dreißig gab er diese Berufe jedoch auf, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen.

Sein erster Roman, "Der Stein von Duncton", erschien 1980 und begründete gleich ein neues Genre: Fantasy-Geschichten, in denen die Hauptrollen nicht von Menschen oder menschenähnlichen Wesen, sondern von Tieren übernommen werden. Horwood schilderte die Erlebnisse einer Gemeinschaft von Maulwürfen. Das Erstlingswerk gilt bis heute als Klassiker, zu dem der Autor insgesamt fünf Fortsetzungen schrieb. Der nächste Zyklus, in dem Wölfe im Mittelpunkt standen, war weniger erfolgreich. "Wolves of Time" wurde vom Verlag von geplanten drei auf zwei Bände zusammengestrichen. In den 1990ern erzählte Horwood eine Geschichte weiter, die in Großbritannien zu den Kinderbuch-Klassikern schlechthin gehört und auch in Deutschland über eine große Fangemeinde verfügt, nämlich Kenneth Grahames "Der Wind in den Weiden". Horwood schrieb insgesamt vier weitere Bücher mit Kröterich, Maulwurf, Ratte, Dachs & Co. Hyddenworld markiert die Rückkehr des Autors zur Fantasy nach einer Pause von etwa 15 Jahren. In der Zwischenzeit schrieb er Romane aus anderen Bereichen, darunter das autobiographisch angehauchte "The Boy with no Shoes" über eine schwierige Kindheit in Kent von 2004.

"Hyddenworld – Der Frühling" kann man ohne Übertreibung als Edelstein bezeichnen. Das bezieht sich nicht nur auf die Qualität des Romans, sondern auch auf einen seiner markantesten Aspekte: Die "Geschichten in der Geschichte" sind wie die Facetten eines Edelsteins, immer ein wenig anders, aber nichtsdestoweniger ein Teil des Ganzen. Und auch wenn manches an andere Schriftsteller erinnert, wirkt es nie nachgemacht. Hyddenworld verwendet nur schlicht dieselben Zutaten, die auch die Werke von Autoren wie Pratchett, Tolkien, de Lint und anderen so gut machen.

Fazit:
Der erste Band mit Abenteuern aus der "Hyddenworld" ist wie ein Edelstein. Damit ist nicht nur die Qualität gemeint, die sich mit den Großen des Genres messen kann, sondern auch der Facettenreichtum. "Hyddenworld – Der Frühling" könnte und sollte zum Ausgangspunkt nicht "nur" einer Tetralogie, sondern eines eigenen erzählerischen Kosmos werden.

Hyddenworld 1: Der Frühling - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

William Horwood
Hyddenworld 1: Der Frühling
Hyddenworld. Spring

Übersetzer: Reiner Pfleiderer
Erscheinungsjahr: 2012



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Klett-Cotta

Preis:
€ 22,95

ISBN:
978-3-608-94638-3

527 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Gleich ein ganzes Bündel Geschichten, die zu einem facettenreichen Ganzen verwoben werden
  • Anklänge an Autoren wie Pratchett, de Lint oder sogar Tolkien sind keine Nachahmerei, sondern gutes Verarbeiten derselben Zutaten
  • Man hofft bereits im ersten Band, dass nach dem angekündigten vierten Teil noch weitere Geschichten aus der Hyddenworld folgen mögen
  • Der Autor unterläuft immer wieder die Erwartungen auch erfahrener Leser und kann überraschen
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 08.07.2012
Kategorie: Fantasy
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