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Himmelsgöttin

Story:
Tucker Case muss dringend von der Bildfläche verschwinden: Der Privatpilot der Chefin eines Kosmetikkonzern hat den Firmenjet geschrottet. Daran nicht unbeteiligt waren größere Mengen Alkohol sowie eine Prostituierte, die unbedingt in den Mile-High-Club aufgenommen werden wollte. Das bisher blütenweiße Image der Firma ist angekratzt, seine Fluglizenz kann Tuck vergessen, die besten Rechtsanwälte verklagen ihn auf Millionen Dollar Schadensersatz und die überaus private Verletzung, die er sich bei den "Unfall" zugezogen hat, ist das Thema in allen Medien.

Viele gute Gründe also, sich erst einmal rar zu machen. Da kommt das Angebot eines Missionsarztes gerade richtig. Tuck soll für eine Krankenstation auf einer kleinen Südseeinsel Medikamente und Ausrüstung fliegen. Aber bald kommt ihm sein neuer Job spanisch vor. Wie kann sich ein einsamer Arzt irgendwo im Nirgendwo Mikronesiens einen Learjet und das nicht gerade kleine Pilotengehalt leisten? Wozu braucht er mit Maschinenpistolen bewaffnete Wachen? Und warum tritt die – übrigens atemberaubend gut aussehende – Frau des Doktors als "Himmelsgöttin" vor den Eingeborenen auf?

Dann mischen auch noch Kannibalen, ein Seefahrer in Frauenkleidern, ein sprechender Flughund und ein eigentlich längst toter Bomberpilot aus dem Zweiten Weltkrieg mit. Tuck wird eines klar: Wenn er nicht schnellstens etwas unternimmt, kommt er nie mit heiler Haut und halbwegs klarem Verstand aus der Sache raus...

Meinung:
Alles Gute kommt von oben: Nach altvertrauten übernatürlichen Gestalten wie Dämonen, Vampiren oder indianischen Göttern widmet sich Christopher Moore diesmal einem Cargo-Kult. Das sind kleine religiöse Gemeinschaften, die beispielsweise (aber nicht nur) während des Zweiten Weltkriegs auf einigen Pazifikinseln entstanden sind. Dort schwebten nämlich unvermittelt amerikanische Flugzeuge ein, um gegen die Japaner zu kämpfen. Für die Eingeborenen wirkten die Neuankömmlinge wie Götter, die viele tolle Dinge mitbrachten. Das konnten doch nur Geschenke von ihren als göttlich verehrten Ahnen sein, oder? Als die Fremden dann wieder abgezogen waren, versuchten die Ureinwohner, sie zur Rückkehr zu bewegen, auf dass sie noch mehr Cargo (Ladung) brächten. Dazu ahmten sie nach, was sie gesehen hatten. Sie bauten "Funkgeräte" aus Kokosnüssen oder paradierten mit "Gewehren" aus bemalten Bambusstäben über die aufgegebenen Flugplätze. Denn wenn sie tun, was die Fremden damals taten, müssten die Flugzeuge doch schließlich wiederkommen.

Vor diesem Hintergrund erzählt Christopher Moore eine Geschichte über Gier, Geilheit und Glauben. Es ist nicht zu viel verraten, wenn man erwähnt, dass die "Himmelsgöttin", die regelmäßig vor den Eingeborenen mit Musikbeschallung und Feuerwerk ihre Show abzieht, nicht echt ist. Sie und der Doktor verfolgen ganz eigene Ziele. Tuck wiederum muss sich eingestehen, dass es mehr im Leben gibt als Sex. Sogar Pilot war er nur geworden, weil sein späterer Fluglehrer meinte, dass die Frauen dann auf ihn fliegen würden. Und eine ganze Reihe von Charakteren müssen erkennen, dass das woran sie glauben oder auch nicht glauben, nicht zwangsläufig der Weisheit letzter Schluss ist.

Wie von Christopher Moore gewohnt ist auch dieser Roman ausgesprochen lustig. Dabei ist, im Gegensatz zu früheren Romanen, die Zahl der reinen Schenkelklopfer zu Gunsten von mehr hintergründiger Situationskomik zurückgegangen. Dabei wird keiner der Charaktere vorgeführt oder lächerlich gemacht, sie alle sind psychologisch nachvollziehbar und zumindest ein Stück weit sympathisch – selbst die eigentlichen "Bösewichter". Dasselbe gilt für die verschiedenen vertretenen Glaubenssysteme. Man merkt zwar deutlich den feinen Spott, mit dem der Autor insbesondere auf blinden Glauben reagiert, aber weder ein bestimmtes System noch das Phänomen des Glaubens an sich werden in Grund und Boden verdammt.

Die Ernsthaftigkeit, mit der Moore an das Thema herangegangen ist, wird zusätzlich spätestens im Nachwort klar. Dort erfährt der Leser nämlich, dass der Autor nicht nur ausführlich über das Thema Cargo-Kulte recherchiert hat, sondern auch einige Zeit in Mikronesien verbracht hat. Gleichzeitig steht das Übernatürliche aber nicht im Zentrum der Geschichte. Es ist ein integraler Bestandteil, ohne den der Plot so nicht funktionieren würde, aber die "eigentliche Geschichte" handelt doch vom, um einen abgedroschenen Begriff zu verwenden, Menschlich-Allzumenschlichen.

Ein weiteres Merkmal von Moore ist ebenfalls nicht zu verleugnen, nämlich seine Vorliebe für Kraftausdrücke. Wer sich an Begriffen wie "Arsch" stört, dürfte in diesem Buch alle paar Seiten irritiert sein. Auch einige Sexszenen kommen vor. Nimmt man noch die eher nicht gesellschaftsfähigen Moralvorstellungen einiger Figuren dazu, ist die "Himmelsgöttin" kein Roman für sehr junge Leser. Alle anderen werden jedoch ihren Spaß mit der Geschichte haben.

Wir aufgeklärte Westler sollten übrigens nicht zu sehr auf die Anhänger des Cargo-Cults herabsehen. Nicht ohne Grund spricht man beispielsweise in der Softwareentwicklung von "cargo cult programming", wenn jemand irgendwelche Codefragmente verwendet, die er zwar nicht versteht, die aber in einem schlauen Buch stehen. Der Nobelpreisträger Richard Feynman hat den Begriff der "Cargo-Cult-Wissenschaft" geprägt. Damit bezeichnet er das Phänomen, dass Wissenschaftler bestimmte Geräte oder Untersuchungsmethoden nicht deshalb verwenden, weil es inhaltlich Sinn ergibt, sondern aufgrund der symbolischen Wirkung oder weil sie sich Anerkennung unter den Kollegen erhoffen. Ein ordentliches Experiment muss schließlich mit DNA-Sequenzierung und mindestens einer Computersimulation arbeiten, oder? Für diese Art von Glauben sind also längst nicht nur vermeintlich rückständige Eingeborene empfänglich.

Fazit:
Im Gewand eines Cargo-Kults liefert Christopher Moore eine ebenso intelligente wie amüsante Geschichte über Gier, Geilheit und Glauben. Zu junge Leser oder solche, die sich an regelmäßig auftretenden Kraftausdrücken stören, könnten Probleme mit dem Roman haben, alle anderen einen Heidenspaß.

Himmelsgöttin - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Christopher Moore
Himmelsgöttin
Island of the Sequined Love Nun

Übersetzer: Christoph Hahn
Erscheinungsjahr: 1999



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Goldmann Verlag

Preis:
€ 8,95

ISBN:
978-3442443970

447 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Einfach lustig und gleichzeitig sehr klug
  • Jeder der Charaktere hat ne Macke, aber keinen macht der Autor wirklich lächerlich
Negativ aufgefallen
  • Zu junge oder zu empfindliche Leser könnten sich unter anderem am regen Schimpfwortgebrauch stören
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Rezension vom: 02.07.2011
Kategorie: Humor
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