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Somnia

Story:
Sie flieht durch die Straßen des Greenwich Village von New York, aber sie hat keine Ahnung, wie sie dort hingelangt ist. Außer an ihren Namen erinnert sich Scarlet Hawthorne an nichts. Warum hat sie Blut an den Händen? Warum verfolgen sie unheimliche, wolfsähnliche Wesen, die sich unvermittelt aus dem Schneegestöber materialisieren?

Anthea Atwood rettet die verzweifelte junge Frau und nimmt sie bei sich auf. Zusammen mit dem abenteuerlustigen Jake Sawyer machen sich die beiden auf, um Scarlets Vergangenheit wiederzufinden. Hat sie etwas mit den Eistoten zu tun, die die Polizei der Stadt seit einiger Zeit in Atem halten? Oder mit den Kindern, die aus allen Teilen New Yorks verschwinden? Und wer ist Scarlet Hawthorne überhaupt?

Um Antworten auf all diese und weitere Fragen zu bekommen, muss die kleine Gruppe sich in die uralte Metropole wagen, in die Stadt unter dem, was den meisten als New York bekannt ist. Aber dort lauern unzählige Gefahren auf unbedarfte Neugierige, und Scarlets Verfolger sind immer noch auf ihrer Spur...

Meinung:
Mit dem Ende von Lumen war die Geschichte der Uralten Metropolen eigentlich abgeschlossen. Wie Christoph Marzi in verschiedenen Interviews betonte, wollte er die Geschichten um Emily Laing von Beginn an nicht endlos auswalzen. Aber Verlag und Fans forderten natürlich weitere Folgen der Erfolgsserie, und so suchte sich der Autor einen neuen Zugang zu den Welten unterhalb der Metropolen, wie sie der normale Zeitgenosse kennt.

Zu Beginn erscheint demjenigen, der die ersten drei Bände gelesen hat, vieles vertraut. Ein junges Mädchen – oder hier besser, eine junge Frau, Scarlet Hawthorne ist etwa Ende Zwanzig – gerät unvermittelt in Kontakt mit einer magischen Welt und deren Gefahren, die über sie hereinbrechen. Da erscheint ein Mentor, dort Mortimer Wittgenstein, hier Anthea Atwood, und nimmt sie unter die Fittiche.

Aber schnell wird klar, dass Marzi sich längst nicht einfach selbst kopiert, und Scarlet ist eindeutig keine "Emily II.". Die Geschichte hat einen merklich anderen Tonfall, eine andere Atmosphäre als es die vorherigen Romane hatten. Sie ist actionreicher, schneller, man könnte sagen, amerikanischer. Zwischen Scarlet und Jake knistert es von ihrer ersten Begegnung an, und während Emily einige Zeit brauchte, um sich auf die uralte Metropole Londons einzulassen, ist die Protagonistin hier geradezu begierig darauf, in das New Yorker Äquivalent zu gelangen. Schließlich hofft sie, dort das Geheimnis um sich selbst lüften zu können.

So sind die Anknüpfungspunkte zum restlichen Zyklus zunächst eher oberflächlich, und die Geschichte von "Somnia" hätte, soweit es die ersten Kapitel betrifft, auch in einem anderen Fantasy-Universum spielen können. In diesem Part kann der Roman auch nicht wirklich überzeugen, die Geschichte ist beinahe oberflächlich. Aber auf Seite 185 treten zwei Gestalten aus einem Tunnel, die sich als alte Bekannte aus der Serie entpuppen. Hier fühlt sich der Roman zum ersten Mal so richtig nach den uralten Metropolen an, was sich in der Folge immer mehr verstärkt. Spätestens wenn der Vorname von Scarlets Mutter erwähnt wird, ist die Anknüpfung an die ersten Bände klar. Und die Erzählung, dass überall in einer Stadt Kinder spurlos verschwinden, sollte einem Leser von "Lycidas", "Lillith" und "Lumen" ebenfalls vertraut vorkommen. Von Oberflächlichkeit kann dann auch keine Rede mehr sein, und Christopher Marzi zeigt wieder sein Können als Autor fesselnder Fantasy-Geschichten.

Dabei greift er erstaunlich wenig auf eine Technik zurück, die für die vorherigen Teile des Zyklus prägend war: Es gibt nahezu keine "Blicke in die Zukunft", die Fragen aufwerfen, die anschließend in langen Rückblenden nach und nach beantwortet werden. Hier bedient er sich anderer Mittel, um Spannung zu erzeugen. Zum einen herrscht wie schon in den ersten Bänden nahezu immer eine Atmosphäre der Gefahr. Entweder ist das Leben der Protagonisten ganz handfest und direkt in Gefahr, oder Scarlet zerbricht sich den Kopf darüber, wer sie nun eigentlich ist, und verzweifelt fast daran. Stärker als bisher im Zyklus setzt Marzi hier außerdem auf Action, wenn beispielsweise Jake auf einem geklauten Motorrad und mit der jungen Frau auf dem Sozius halsbrecherisch durch die New Yorker U-Bahn rast.

Was die Inspirationen und Vorbilder betrifft, bleibt der Autor in &quto;Somnia" ebenfalls erstaunlich amerikanisch. Hat er zuvor seine Anregungen noch aus aller Welt gesammelt, spielen hier fast ausschließlich amerikanische Mythen und andere Geschichten eine Rolle. Die Ureinwohner sind erwartungsgemäß stark vertreten, ebenso wie etwa James Melville und Moby Dick, oder der amerikanische Traum mit Namen wie Ford oder Crysler.

Dabei käut der Autor nicht einfach nur das wieder, was andere schon erzählt haben, sondern lässt sich zu Eigenem inspirieren. Die Wedingowak, die in der Mythologie der Indianer-Stammesgruppe der Anishinabe die Völlerei verkörpern, werden zu den unermüdlichen, wolfsähnlichen Verfolgern auf Scarlets Spur. Die Pagen und Liftboys im "The Dakota", dem berühmten Apartmenthaus, sind mechanische Menschen, gebaut von Henry Ford persönlich. Und das gesunkene Schiff Pequod, mit dem Kapitän Ahab den weißen Wal jagte, hat sich in die uralte Metropole unter New York zurückgezogen und dient heute als Restaurant. Aber wie es dem Schmelztiegel USA und vor allem New York gebührt, gibt es auch "Einwanderer" in der Mythologie des Romans. Beispielsweise ist das Waisenhaus, das John Lennon in "Strawberry Fields Forever" verewigt hat, nach dem Tod des Musikers unter dem Central Park aufgetaucht. Bewacht wird der Eingang zu diesen Strawberry Fields von der elefantenköpfigen Hindu-Gottheit Ganesha, in der Geschichte "Ganesh" geschrieben.

Eine wichtige Rolle spielen auch Pflanzen und Farben. So versuchen sich verschiedene Charaktere, mit Amuletten aus Pflanzenteilen zu schützen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Schmerzen und andere Empfindungen werden mit Farben beschrieben, etwa "Ein Schmerz, gewaltig und tiefrot, explodierte in ihrem Bewusstsein". Und als sich Scarlet das erste Mal nach ihrem Gedächtnisverlust im Spiegel sieht, ist sie über ihre schwarz gefärbten Haare entsetzt. Sie sei doch eigentlich viel bunter.

"Somnia" ist prinzipiell eigenständig genug, es ohne Vorkenntnisse aus dem Zyklus zu lesen. Es sei aber trotzdem empfohlen, zunächst die ersten drei Romane um die uralten Metropolen zu lesen. Zum einen versteht man viele Zusammenhänge besser und freut sich über Anspielungen und Erwähnungen vertrauteter Figuren, Geschichten und sogar Formulierungen (können sich bevorzugte Wendungen vererben?). Zum anderen sind Romane von Christoph Marzi grundsätzlich lesenwert, was er mit diesem wieder einmal beweist. Einen fünfter Band aus der Reihe unter dem Arbeitstitel "Virginia" hatte der Autor vor längerer Zeit erwähnt, aber bisher ist er nicht erschienen.

Fazit:
Christopher Marzi schafft es bei seiner Rückkehr in die Welt der uralten Metropolen, sich weder selbst zu wiederholen noch sein Thema übermässig auszuwalzen. Die neue Protagonistin Scarlet ist deutlich keine "Emily II.", und auch sonst unterscheidet sich dieser Roman deutlich von den vorherigen. Aber im Laufe der Geschichte werden die Verbindungen zu den ersten Teilen immer deutlicher. Wie in eigentlich allen seinen Romanen beweist der Autor auch in "Somnia" sein außerordentliches Erzähltalent.

Somnia - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Christoph Marzi
Somnia
Erscheinungsjahr: 2008



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

Preis:
€ 14,00

ISBN:
978-3453524835

608 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Der Autor kehrt in die Welt seiner erfolgreichen früheren Romane zurück, ohne sich einfach nur zu wiederholen
  • Christoph Marzi ist einfach ein sehr guter Erzähler
  • Der Roman greift viele Mythen und andere Geschichten um, macht aber immer etwas eigenes daraus
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 07.11.2010
Kategorie: Fantasy
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