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Interview mit der leitenden Direktorin des ägyptischen Museums München
Schoske01b.jpg Interview mit Frau Dr. Schoske, Leitende Direktorin beim Staatlichen Museum ägyptischer Kunst in München

Frage: Erzählen Sie uns doch zunächst einmal etwas über sich selbst, damit wir Sie kennen lernen.

Seit 1989 leite ich das Ägyptische Museum in München mit meinem Arbeitsschwerpunkt Kunst innerhalb der Ägyptologie. In den letzten Jahren bin ich mehr und mehr zum Ausstellungsmacher geworden – bei uns in München werden jährlich 2-3 Ausstellungen konzipiert, von der Großausstellung, die dann auf Tournee geht, oft auch ins Ausland, bis hin zur kleinen Workshop-Ausstellung, die etwa eine Neuerwerbung präsentiert oder ein Forschungsergebnis im Medium der Ausstellung zeigt.
Wichtig sind dabei drei Dinge: 1. Nach Möglichkeit Neuland zu betreten, sowohl vom Inhalt als auch von der Präsentation, 2. das Publikum ernst zu nehmen und zu fordern, und ihm nicht nur „no-brain-exhibitions“ zu Jenseitsglauben und Mumien, Pyramiden und Tutanchamun zu präsentieren (denn dass es diese Dinge in Ägypten gab, weiß er inzwischen) und 3. den alten Ägyptern gerecht werden und ihre Kultur in all der Differenziertheit vorzustellen, die charakteristisch für sie ist.

Frage: Haben Sie bereits einen Roman von Christian Jacq gelesen und wenn ja: Welchen, oder welche?

Eine ganze Menge, das müssten in der Zwischenzeit so an die 20 sein – natürlich die fünf Ramses-Bände, die drei oder vier Bände rund um den Richter und Wesir Paser, die in Deir el-Medineh spielenden Romane, „Die letzten Tage von Philae“, die Erzählung rund um die Entdeckung des Tutanchamun-Grabes und als letztes die zur Hyksos- Zeit spielenden Erzählungen.
Dazu muß ich allerdings sagen, dass dies für einen Ägyptologen völlig unüblich ist – als Ägyptologe liest man Jacq kaum. Bei mir ist das schon fast eine Marotte – ich habe einen ganzen Bücherschrank voller Romane und Krimis, die im alten Ägypten oder im Archäologen-/Ägyptologen-Milieu spielen wie etwa die Erzählungen von Elisabeth Peters – und natürlich Agatha Christie. Wenn ich am Flughafen oder Bahnhof nach Reiselektüre Ausschau halte, schaue ich immer zuerst, ob es auf diesem Markt etwas Neues gibt…

Frage: Können Sie seine Romane lesen, ohne sich über zu viele Unstimmigkeiten mit dem jetzigen Stand der Forschung ärgern zu müssen?

Ich muß gestehen, dass das sehr unterschiedlich ist. Manchmal finde ich seine Darstellung der Fakten durchaus anregend – man kann ja als Romancier in einer Art und Weise spekulieren, die dem Wissenschaftler nicht möglich ist -, manchmal andererseits ist seine Darstellungsweise eher ärgerlich. Das gilt etwa für die in der Hyksos-Zeit spielenden Geschichten, die das altbekannte Klischee der bösen und grausamen Asiaten, die Ägypten überfallen und geknechtet haben weiter fortführen – obwohl sich seit einigen Jahren schon im Fach eine andere Sicht der Dinge entwickelt hat und heute klar ist, dass diese Sichtweise eine bewusste Propaganda späterer Zeiten ist, die mit der wirklichen Geschichte dieser Epoche wenig gemein hat. Dies gilt ganz ähnlich auch für seine Sicht auf Nubien in dieser Zeit.
Eine undifferenzierte Sicht der Dinge und ein falsches Klischee fortzuführen, ist sicher eine lässliche Sünde für einen Laien, der Romane schreibt – aber wenn jemand den Anspruch stellt, als Ägyptologe Romane zu schreiben, sollte man doch eine stärkere Vertrautheit mit aktuellen Forschungen zugrunde legen.
Eine Besonderheit seiner Romane, die sich allerdings dem Laien nicht offenbart, ist die Verwendung zahlreicher Originaltexte. Viele historische Texte, aber vor allem lange Zitate etwa aus den Weisheitslehren oder auch Jenseitsführern tragen in manchen seiner Erzählungen unbedingt zur Stimmigkeit der Atmosphäre bei – ohne dass es jedoch der Leser merkt. Das ist insofern schade, als dem Normalverbraucher damit auch die Qualität altägyptischer Texte entgeht. Hier würde man sich wünschen, dass es am Ende der Bände einen Hinweis auf die wichtigsten der verwendeten Originalquellen gäbe – was meiner Meinung nach den Arbeiten von Jacq keinen Abbruch täte, ganz im Gegenteil.

Frage: Wir haben uns im Internet zum Thema Christian Jacq umgesehen und sind in einigen Foren gelandet, die Archäologie zum Thema haben. Dort wurde dann recht allergisch auf den Namen Jacq reagiert. Die dort anwesenden Hobby-Archäologen sehen in Jacq offensichtlich keinen „richtigen“ Ägyptologen, obwohl er ja dieses Fach studiert und darin auch an der Sorbonne promoviert hat. Wie geht es Ihnen? Sehen Sie Jacq als Kollegen oder als studierten Romancier?

Deutlich als letzteren – was nichts Negatives sein muß. Thomas Mann war auch kein Ägyptologe, und hat mit seinem „Joseph“ einen - auf der Höhe der Forschung seiner Zeit – hinreißenden, absolut stimmigen und überzeugenden Ägypten-Roman geschrieben – er hat sich allerdings auch etwas mehr Zeit genommen als der Massenproduzent Jacq.
Oder nehmen Sie Agatha Christie: Ihr im Alten Ägypten spielender Krimi „Death comes as the End“ ist bis heute in diesem Genre unerreicht – und er basiert auf einer Serie von Briefen, den sogenannten Hekanachte-Papers, die damals gerade entdeckt wurden. Agatha Christie war mit einem bekannten Archäologen verheiratet, hat lange Jahre auf den Grabungen ihres Mannes mitgearbeitet, sie teilweise sogar durch ihre Bücher finanziert – und hatte unter ihren Freunden auch Ägyptologen, von denen sie sich beraten ließ.

Frage: Wie populär ist das Thema Archäologie im Allgemeinen und Ägyptologie im Besonderen?

Sehr – mit allen positiven und allen negativen Seiten.
Schon vor mehr als 20 Jahren hat der damalige Doyenne der polnischen Archäologie, Michalowski, gesagt „People are more and more interested in three things: money, sex and archaeology“.

Frage: Haben Jacqs Romane zur Popularität dieser Themen beigetragen?

Das ist unterschiedlich zu beantworten: In Frankreich und auch in Italien, wo vor allem seinerzeit die Ramses-Romane Furore machten und in den Bestseller-Listen standen, ist die Frage sicher mit einem deutlichen „Ja“ zu beantworten, für Deutschland gilt dies in geringerem Maße. Hier waren und sind es eher die großen Ausstellungen – und seit einigen Jahren auch Fernsehberichte.

Frage: Was stellt das Staatliche Museum ägyptischer Kunst in München derzeit aus? Haben Sie eventuell weitere Empfehlungen für ägyptische Ausstellungen in Deutschland für unsere Leser?

Bis zum 20. Februar zeigen wir in München „Himmelsaufstieg und Höllenfahrt – Das Totenbuch der alten Ägypter“, in der sich der Besucher über das Medium der Audio-Führung auch mit den Inhalten der Texte vertraut machen kann, während er gleichzeitig anhand der originalen Papyri die dazugehörige Bilderwelt betrachten kann.
Bis zum 6. Februar ist im Bayerischen Schulmuseum in Ichenhausen (Landkreis Günzburg) eine umfassende Ausstellung zum Thema „Das Geheimnis der Hieroglyphen – Schrift und Sprache im alten Ägypten“ zu sehen, die anschließend in erweiterter Form im Kulturforum in Berlin zu sehen sein wird (ab 2. März).
Ab Anfang März gehen wir im eigenen Haus wieder einmal ein neues Thema an: Die Ausstellung „Winckelmann und Ägypten – Die Wiederentdeckung der ägyptischen Kunst im 18. Jahrhundert“ zeigt die Aktualität dieses Gelehrten, den man bislang zwar als Gründervater der Klassischen Archäologie kennt, dessen Bedeutung für die Ägyptologie bislang jedoch noch nicht erkannt worden war.


Special vom: 13.12.2004
Autor dieses Specials: Bernd Glasstetter
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Biografie
Bibliografie
Was Leser über Christian Jacq denken
Ägypten = Kemet - Fakten zum Land am Nil
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