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Wing 4

Story:

Viele Jahrhunderte in der Zukunft hat sich die Menschheit über die Galaxie ausgebreitet. Auf unzähligen Welten sind Zivilisationen entstanden, aufgeblüht und wieder vergangen. Die meisten haben sich in Kriegen selbst oder gegenseitig ausgelöscht.

Auch dem Planeten Wing 4 droht dieses Schicksal. Ein genialer Wissenschaftler glaubt jedoch, einen Ausweg gefunden zu haben: Er schafft menschenähnliche Maschinen, die Kriege auf ewig unmöglich machen sollen. Dazu baut der diesen Humanoiden als obersten Grundsatz die Maxime "Dienen, gehorchen und Unheil vom Menschen abwenden" ein.

Aber die Humanoiden erfüllen diese Direktive mit unerbittlicher Konsequenz, was dazu führt, dass sie die Menschen völlig entmündigen. Wissenschaft? Könnte für Rüstungsprojekte benutzt werden, daher nicht gestattet. Eine Schere? Daran könnte ein Mensch sich schneiden, also leider nicht erlaubt. Papier? Viel zu leicht entflammbar für Menschenhände. Und wer immer noch unter schlimmen Erinnerungen und Sorgen leidet, bekommt sie einfach weggespritzt.

Die Menschen, weit über Wing 4 hinaus, finden sich völlig erdrückt von dieser überbordenden Fürsorge. Aber eine kleine Gruppe von Rebellen hofft, die Humanoiden aufhalten zu können. Dazu bitten sie den Forscher Clay Forrester auf einem Planeten, der noch nicht von den Maschinen beherrscht wird, um Hilfe. Aber der hat seine eigenen Sorgen und glaubt nicht so recht an die abstrusen Geschichten, die man ihm erzählt. Und natürlich haben die Humanoiden auch Forresters Welt längst in den Blick gefasst, um den Menschen dort ihre Dienste anzubieten...



Meinung:

Aus dieser Grundidee macht der Autor einen faszinierenden Roman, der zu Recht als einer der großen Klassiker der Science Fiction gilt. Bei vielen Geschichten kann man sagen, der Leser fühle mit einer der Figuren, wie sie durch die Irrungen und Wirrungen der Handlung geht. Im Fall des Wissenschaftlers Clay Forrester, aus dessen Sicht Williamson die Geschichte nahezu durchgehend erzählt, ist es noch direkter: Man fühlt seinen Streß, seine Ängste, seine Verzweiflung, seine Wut.

Dabei ist das Buch auf den ersten Blick gar nicht so leicht zugänglich. Das erste Kapitel wird viele Leser auf emotionaler Ebene für sich einnehmen. Wer könnte sich schon einem ängstlichen, zerschundenen kleinen Mädchen verschließen, das einen Wachtposten anfleht, es müsse unbedingt Dr. Forrester sprechen? Aber im zweiten Kapitel kitzelt Williamson eher den Intellekt seiner Leser als ihre Gefühle. Informationen über den Wissenschaftler, sein Leben, seine Forschungen und das lange ominös bleibende "Projekt", das mittlerweile sein Leben und Denken bestimmt, gibt der Autor nur tröpfchenweise preis. Auf diesem Weg führt er seine Leser wie nebenbei in atomphysikalische Konzepte ein. Das dient vor allem dazu, um sozusagen der bekannten Wissenschaft die fiktiven Gebiete des Rhodomagnetismus und später der Psychophysik einführen zu können. Auch dabei setzt Williamson ein gewisses naturwissenschaftliches Grundverständnis voraus.

Für heutige Leser ungewohnt sind auch manche Eigenarten der Sprache. Immerhin ist "Wing 4" im Original bereits 1948 erschienen, und so stolpert man zu Beginn gelegentlich über Dinge wie "Weltenraum" oder heute unübliche Satzkonstruktionen. Daran hat man sich jedoch schnell gewöhnt, und spätestens dann nimmt einen die Geschichte gefangen.

In deren weiterem Verlauf werden sich viele Leser mal um mal dabei ertappen, wie sie sich gedanklich selbst an Forresters Stelle setzen. Ja, so hätte man wohl auch gedacht, auch reagiert, auch gefühlt. Der Autor schafft es geradezu meisterhaft, den Leser an der Entwicklung seines Protagonisten teilhaben zu lassen. Neben ihm bleiben die meisten anderen Figuren eher Beiwerk, werden aber trotzdem glaubwürdig geschildert. Das sind man vor allem an dem Mathematiker Ironsmith, dessen Einschätzung durch Forrester und damit durch den Leser wiederholt regelrecht umschwingt.

Ebenfalls sichtbar ein Kind ihrer Zeit ist die beschriebene Technologie. Rechner werden über Lochstreifen programmiert, auch wenn sie interplanetare Raumschiffe steuern. Und die Einheiten, in denen das gigantische Zentralgehirn der Humanoiden in ihrer "Heimat" auf Wing 4 organisiert ist, sind nicht anders als Relais denkbar, maximal als Elektronenröhre. Der Wettlauf zwischen Elektronenröhren und Transistoren als elektronischen Schaltelementen lag damals noch in der Zukunft, von Integrierten Schaltkreisen (ICs) gar nicht zu reden. Das entlockt einem aber maximal ein nachsichtiges Lächeln und mindert den Wert von Williamsons Geschichte nicht im Mindesten.

Denn die Fragen, die der Autor aufwirft, sind heute wohl aktueller denn je. Schließlich legen wir immer stärker unser Schicksal in die Hände elektronischer Systeme - von der computergesteuerten Heizungsanlage bis zum Großkraftwerk. Was wäre beispielsweise, wenn die Steuerung der städtischen Wasserversorgung anfangen würde zu entscheiden, wer Wasser bekommen soll und wer nicht? Und wie lange wird es dauern, bis die vieldiskutierten Drohnen nicht mehr von Soldaten in der Heimat per Joystick bedient werden, sondern selbst entscheiden sollen, wer als Terrorist liquidiert wird?

Daneben wirft der Roman fragen auf wie, wie weit sollte die Freiheit des Einzelnen gehen - besonders wenn er in seiner Freiheit beginnt, sich selbst oder anderen zu schaden? Wie geht man mit einer Bedrohung um? Wie viel Verantwortung kann ein einzelner Mensch tragen? Welcher Grundgewissheiten können wir uns noch sicher sein, und inwieweit müssen wir bereit sein, sie in Frage zu stellen?

Und wer über all diese Fragen im Moment nicht nachdenken möchte, dem liefert Jack Williamson einen äußerst spannenden Science Fiction-Roman. "Wing 4" ist das wohl wichtigste Werk des Autors, aber längst nicht das einzige. Williamson wurde 1908 im Arizona Territory geboren (der heutige Bundesstaat Arizona trat erst einige Jahre später den USA bei). Wie so viele Autoren seiner Generation wurde er durch Hugo Gernsbacks Magazin Amazing Stories "angefixt". Bereits 1928 veröffentlichte Williamson seine erste Geschichte im "Amazing". In den 1930ern war er bereits ein etablierter Autor und unter anderem ein großes Vorbild für einen jungen, aufstrebenden Schriftsteller namens Isaac Asimov. 1976 wurde er als "Grand Master of Science Fiction" geehrt, als erst zweiter Laureat nach Robert Heinlein. Bis heute wurde diese Auszeichnung nur an 29 Autoren vergeben.

Die erste Fassung von "Wing 4" erschien 1947 als Novelle mit dem Titel "With Folded Hands" im Magazin Astounding Science Fiction. Die Geschichte war sehr erfolgreich, so dass Williamson eine mehrteilige Fassung mit neuen Charakteren schrieb, die 1948 gesammelt als "The Humanoids" erschien. 1952 wurde der Roman erstmals auf Deutsch als "Wing 4" veröffentlicht. 1980 legte Jack Williamson mit "The Humanoid Touch" (deutsch "Das Wing-4-Syndrom") eine Fortsetzung vor.

Obwohl er schon lange gesundheitliche Probleme hatte, schrieb Williamson in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren regelmäßig neue Geschichten. Noch mit 93 Jahren wurde er sowohl mit dem Nebula Award als auch mit dem Hugo Award ausgezeichnet. 2006 starb Jack Williamson. In seinem Werk finden sich alleine über 50 Romane, dazu unzählige Kurzgeschichten. Er soll der erste Schriftsteller gewesen sein, der das Konzept der Antimaterie verwendete, außerdem prägte er die Begriffe "Terraforming" und "Genetic Engineering". Während seiner Zeit als Dozent an der Eastern New Mexico University half er mit, eine der größten Science Fiction-Bibliotheken zusammenzustellen. Inzwischen trägt die mehr als 30.000 Bände umfassende Jack Williamson Science Fiction Library seinen Namen.



Fazit:

Jack Williamson hat bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Science Fiction-Roman vorgelegt, der bis heute nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat - eher im Gegenteil. Aber auch wer sich nicht über Fragen wie "Wie weit vertrauen wir uns Maschinen an?", "Welche möglicherweise schädlichen Folgen haben auf den ersten Blick nützliche Technologien?" oder "Wie weit kann die Freiheit des Einzelnen gehen, wenn er sich selbst oder anderen schadet?" nachdenken möchte, bekommt eine hochspannende Geschichte geboten.



Wing 4 - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Jack Williamson
Wing 4
The Humanoids

Übersetzer: Otto Schrag
Erscheinungsjahr: 1997 (diese Ausgabe)



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

ISBN:
3-442-25040-4

251 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Der Leser folgt dem Protagonisten atemlos und kann jede seiner Wendungen nachvollziehen
  • Die Fragen, die Williamson aufwirft, sind heute aktueller denn je
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 10.11.2013
Kategorie: Science Fiction
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