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Verlegung eines mittleren Reiches

Story:
Gerade ist der Atomkrieg zu Ende gegangen, und die neuen Herren rücken in den kleinen Ort irgendwo in Sachsen ein: Die Armee aus dem Reich der Mitte. Aber nicht nur die Machtverhältnisse und die gesellschaftlichen Vorstellungen werden auf den Kopf gestellt, auch der Rest des Lebens der Menschen und das Klima. Werden die Versprechen der neuen Herren, die neue Perspektiven menschlichen Glücks verheißen, sich bewahrheiten?

Meinung:
"Verlegung eines mittleren Reiches" ist, könnte man sagen, ein hinterhältiger Roman. Die Geschichte erschließt sich dem Leser nicht einfach, eigentlich hat sie sogar keine große Bedeutung. Wichtiger ist die Sprache und das, was Fritz Rudolf Fries anzudeuten scheint, aber immer hinter Schichten von Augenzwinkern und Symbolen versteckt. Schließlich soll ihm keiner nachsagen können, er habe gesagt, was er gesagt hat.

Fritz Rudolf Fries gehörte zu den gleichzeitig bekanntesten und ungewöhnlichsten Schriftstellern der DDR. Der 1935 in Bilbao geborene Fries zog noch als Kind mit seiner Familie nach Leipzig. Nachdem er Anglistik, Romanistik und Hispanistik studiert hatte, arbeitete er als freischaffender Übersetzer und Literaturherausgeber. Gelobt wurde beispielsweise die von ihm betreute vierbändige Ausgabe von Jorge Luis Borges. Später wurde Fries Mitglied des PEN-Zentrums der DDR und sogar in dessen Präsidium gewählt. Er wurde auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs mit Preisen ausgezeichnet, darunter der Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste zu Berlin, der Spanische Orden der Königin Isabella oder der Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Auf der anderen Seite wurde schon sein erster Roman, "Der Weg nach Ooblidadooh", in der DDR nie veröffentlicht, dafür aber vom westdeutschen Suhrkamp Verlag. Zu sehr wich Fries' Werk ab vom behördlich verordneten "sozialistischen Realismus". Auch Lob von aus ostdeutscher Sicht falscher Stelle wie Gabriele Wohnmanns Einschätzung, "Fries widerlegte die Vorstellung vom handwerklich ungeschickten, thematisch eingeengten, formal vorsichtigen und bieder erzählenden DDR-Schriftsteller", mag nicht zu seiner Wertschätzung in der Kulturbürokratie beigetragen haben.

In "Verlegung eines mittleren Reichs" ist geradezu exemplarisch zu beobachten, wodurch sich das Werk des Autors auszeichnet. Die Geschichte wird in Fragmenten aus Aufzeichnungen erzählt, die ein ehemaliger Historiker kurz nach dem Ende des Atomkriegs beginnt, teils als Tagebuch, teils als Chronik für nachfolgende Generationen, teils als Mittel, seine Gedanken in den wirren Zeiten des Umbruchs zu ordnen. Entsprechend ist die Darstellung sehr subjektiv. Was tatsächlich passiert, bleibt über weite Strecken der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. So glaubt man beispielsweise typische Verhaltensweisen einer besiegten Bevölkerung zu erkennen: Einige versuchen zu belegen, dass sie eigentlich schon immer auf Seiten der jetzigen Machthaber standen. Andere versuchen herauszufinden, welche Sprüche man nachplappern muss, um wohlwollendes Gehör zu finden. Wieder andere suchen ihr Heil in den Gerüchten, im Nachbarort, jenseits der Sperrzone, sei alles viel besser. Einige wiederum ziehen sich so weit wie möglich in das Schneckenhaus des Privatlebens zurück, bis die Verhältnisse sich einigermaßen geklärt haben. Und die Besatzer verbrämen ihre Politik, die in erster Linie der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und ihrer Macht dient, als von einer höheren Lehre abgeleitet. Ob das alles jedoch tatsächlich so ist, oder ob hier nur die Fantasie des Lesers mit ihm durchgeht, lässt der Roman offen.

Wirklich geschildert wird nur das Klein-Klein der örtlichen Gemeinschaft, eigentlich sogar nur die häusliche Gemeinschaft des namenlos bleibenden Chronisten, seiner Familie und engsten Freunde. Das tut Fries in einem ironischen, geradezu spielerischen Ton. Schenkelklopfer wird man vergeblich suchen, aber der gesamte Roman ist von einem stillen, hintergründigen Humor durchzogen, den man zwar nicht so recht lokalisieren kann, der aber unbezweifelbar vorhanden ist.

In der Sprache spielt Fries sein schriftstellerisches Talent aus. Oft gelingen ihm ungewöhnliche Formulierungen, die den Leser zunächst stutzen lassen, bis er merkt, eigentlich treffen sie genau den Punkt. Da wird etwa vom "Sperrmüll des Dialekts" gesprochen, der der Sprache im Ort eigen ist. Und auch über diese Sprachspiele hinaus gelingt es dem Autor wie mühelos, die Szenerie vor dem inneren Auge des Lesers auftauchen zu lassen und die Emotionen der Figuren zu vermitteln.

"Verlegung eines mittleren Reiches" steckt außerdem voller Symbole, die gleichzeitig den Eindruck zu erwecken versuchen, sie würden auf gar keinen Fall für irgend etwas anderes stehen als für sich selbst. Die Verlockungen des vermeintlichen Paradieses von Zinsendorf auf der anderen Seeseite als Bild für Westberlin aus Sicht der benachbarten DDR-Bevölkerung? Aber nein, Herr Zensurbeamter, das würde ich doch niemals meinen....

Mitte der 1990er stellte sich heraus, dass Fritz Rudolf Fries doch nicht nur der geduldete Querdenker war, der sich in seiner Nische den verordneten Dogmen der DDR-Kultur widersetzte. Denn der Autor wurde als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt. Er trat aus dem PEN-Zentrum und anderen Organisationen aus, Medienberichten zufolge, weil er vor den jeweiligen Gremien keine Fragen zu seiner Stasi-Tätigkeit beantworten wollte.

In gewissem Sinne passt dieses Verhalten genau zu "Verlegung eines mittleren Reiches". Wie sein Autor ist auch der Roman nicht einfach zu greifen und einzuordnen. Man kann sich seine Gedanken über beide machen, aber als Antwort auf die Frage, ob man denn nun recht hat, sollte man von beiden nicht mit viel mehr als einem freundlichen Lächeln rechnen.

Fazit:
"Verlegung eines mittleren Reiches" ist ein geradezu hinterhältiger Roman. Die sprachmächtige Schilderung der Entwicklung eines kleinen Orts nach dem Ende des Atomkriegs erzeugt Vorstellungen im Kopf des Lesers, die zu bestätigen oder verneinen sich der Roman jedoch beharrlich weigert. Hinter Schichten von Humor und Augenzwinkern scheinen sich Symbole für wohlbekannte Verhältnisse zu verbergen, die aber gewissermaßen unschuldig gucken und meinen "Symbol? Ich? Aber nicht doch!". Dieser Roman ist, ebenso wie sein Autor, nicht leicht zu greifen und in eine Schublade einzuordnen.

Verlegung eines mittleren Reiches - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Fritz Rudolf Fries
Verlegung eines mittleren Reiches
Erscheinungsjahr: 1993 (diese Ausgabe)



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Piper

ISBN:
3-492-11255-2

222 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Der Autor weiß mit Sprache umzugehen und das Geschehen vor dem inneren Auge seiner Leser erscheinen zu lassen
  • Ein nicht näher zu verortender, feiner, hintergründiger Humor zieht sich durch das gesamte Buch
  • Symbole, die gewissermaßen lebhaft bestreiten, für irgendetwas symbolisch zu stehen
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 21.05.2012
Kategorie: Science Fiction
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