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Das Königsprojekt

Story:
Sie ist die wohl geheimste Organisation innerhalb des Vatikans, die Congregatio secreta ad purificandos fontes. Sie reinigt die historischen Quellen, indem sie die Geschichte im Sinne der katholischen Kirche bereinigt. Mit Hilfe der MYST-Maschine, die ein Neffe von Leonardo da Vinci erfunden hat, schickt die CSADF speziell ausgebildete Schweizergardisten durch die Zeit und lässt sie winzige Veränderungen vornehmen. Hier wird ein einfacher Soldat vor dem Tod auf dem Schlachtfeld bewahrt, damit er später eine wichtige Rolle spielen kann. Dort wird eine Eheschließung verhindert, die den aus Sicht des Vatikans falschen Familienclan gestärkt hätte. Man denkt in Jahrhunderten.

Und nach Jahrhunderten der Geschichtsjustierung wagt man sich an das größte Projekt heran, an das "Königsprojekt". Die Analysen der theoretischen Abteilung haben ergeben, dass der Abfall der britischen Inseln vom wahren Glauben mit der Niederlage des Hauses Stuart im Jahr 1688 eine überaus wichtige Weichenstellung war. Also wird der Schweizergardist Füßli mit der MYST auf die Reise geschickt, um der Geschichte einen kleinen Stups in die gewünschte Richtung zu geben. Aber auch der ausgeklügelste Plan ist nicht gegen unerwartete Einflüsse gefeit...

Meinung:
Carl Amery war ein Schriftsteller und Umweltaktivist, der nach Zwischenstationen bei der GVP und der SPD die Grünen mitbegründete. Als Autor war er unter anderem Teil der "Gruppe 47". Er war bereits als Schriftsteller anerkannt, als er sich Mitte der 1970er einem Genre zuwandte, das in der Hochliteratur damals keinen sonderlich guten Ruf besaß – der Science Fiction. Aber Amery zeigte eindrücklich, das SF sehr wohl auch literarisch wertvoll, intelligent und gleichzeitig überaus humorvoll sein kann.

In "Der Untergang der Stadt Passau" erzählt er von dem Schicksal der bayerischen Stadt nach der Apokalypse in Gestalt einer weltweiten Seuche. Eine Gruppe will die moderne Zivilisation wieder aufbauen, während eine andere sich auf einfache Landwirtschaft beschränken will. "An den Feuern der Leyermark" spielt mit dem historischen "was wäre, wenn..." und lässt einen bayerischen Beamten 1866 eine Söldnertruppe mit damals hochmodernen Waffen aus dem soeben beeendeten amerikanischen Bürgerkrieg anwerben. Diese Freischärlertruppe fügt nicht nur Preußen im Deutschen Krieg eine bittere Niederlage bei, sie krempeln im Anschluss auch die europäische Geschichte, wie wir sie kennen, völlig um. Amerys erster und wohl auch bekanntester Roman auf dem Gebiet der Science Fiction ist jedoch "Das Königsprojekt".

Der Vatikan ändert mit Hilfe einer Zeitmaschine seit Jahrhunderten dezent, aber wirkungsvoll die Geschichte. Große Umwälzungen kann man nicht vornehmen, wie die CSADF, die zuständige Geheimorganisation innerhalb der katholischen Kirche, leidvoll feststellen musste. Wenn ein Zeitreisender etwas tut, was der aufgezeichneten Geschichte, der "Quellenlage", zuwiderläuft, löst er sich im schlimmsten Falle ins Nichts auf. Als ein solcher unglücklicher Operateur auf der Wartburg versuchte, Martin Luther zu ermorden, geschah ihm genau das. Der Reformator deutete das Erlebte als Erscheinung des Teufels. Aber die CSADF ist inzwischen geübt darin, mit kleinsten Änderungen die Historie in die gewünschte Richtung zu dirigieren. Also wagt man sich an das ergeizigste Projekt in der jahrhundertealten Geschichte, das Königsprojekt. Der endgültige Abfall der britischen Inseln vom katholischen Glauben soll verhindert werden. Aber wie man sich denken kann, verläuft die Operation nicht so problemlos, wie die theoretische Abteilung es vorher durchkalkuliert hat.

Das liegt insbesondere an der Überheblichkeit, mit der Amery viele seiner Protagonisten ausgestattet hat. In- wie außerhalb des Vatikans sind die meisten der Figuren davon überzeugt, dass sie, im Gegensatz zu ihren restlichen Zeitgenossen, entweder auf der Seite des einzig Wahren und Guten stehen, vom Schicksal für Höheres auserkoren sind oder gleich beides. Die Planer der Einsätze der MYST-Zeitmaschine betrachten alles, was von der katholischen Lehre abweicht, schlicht als Ketzerei. Andere lassen sich als Ehrenmitglieder in alte schottische Clans aufnehmen und schwelgen in zugigen, verqualmten Hallen von der ehemaligen Größe ihrer vermeintlichen Familien – für 180 Pfund pro Person. Oder einer Übersetzerin fällt ein Bildnis des bayerischen Königs Ludwig auf den Kopf, was sie zu einer Art Medium macht.

Der Autor stellt diese chronische Selbstüberschätzung seiner Charaktere mit so viel Augenzwinkern und Satire, aber auch mit so genauer Beobachtung realistischer menschlicher Verhaltensweisen dar, dass es für den Leser ein ständiger Quell der Freude ist. Besonders die katholische Kirche, mit der Amery auch an anderer Stelle gerne ein Sträußchen ausgefochten hat, bekommt gerne und oft ihr Fett weg.

Dabei wechselt der Roman zwischen den Perspektiven einer ganzen Reihe von Protagonisten kapitelweise hin und her. Außerdem hält sich die Handlung, wie bei einem Zeitreise-Roman fast schon zu erwarten, nicht immer an die lineare Abfolge. So werden die Reaktionen von Füßlis Vorgesetzten in der Jetztzeit schon erzählt, wenn die eigentliche Handlung des Schweizergardisten in der Vergangenheit noch in der Zukunft des Buches liegt.

Hinzu kommt, dass Amery einiges an Bildung bei seinen Lesern voraussetzt. Längst nicht alle Fachbegriffe, etwa aus der kirchlichen Tradition oder Ämterhierarchie, werden erläutert, und längst nicht alle eingestreuten Zitate oder Floskeln auf Englisch, Französisch, Italienisch, Lateinisch, Gälisch oder in anderen Sprachen werden übersetzt. "Das Königsprojekt" stellt also durchaus Ansprüche an seine Leser.

Das zeigt sich auch darin, dass der Humor zwar oft plakativ, aber nur selten mit dem Holzhammer daherkommt. Oft sind die Scherze und Anspielungen eher hintergründig, aber vielleicht gerade dadurch um so wirkungsvoller.

Spannung schafft der Autor mit dem altbewährten Prinzip der Auslassung: Zeige das Ergebnis, aber noch nicht den Weg dorthin. So wird von Füßlis Entscheidung am Ende seines subjektiven Zeitstrahls relativ früh im Buch berichtet, aber wie es dazu kommen konnte, entfaltet sich erst nach und nach.

Die Botschaft ist relativ deutlich: Wer meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, macht Amery deutlich, muss damit rechnen, auch mal etwas davon in die falsche Kehle zu bekommen. Aber er bringt diese Meinung mit so viel Witz und schlicht einer guten Geschichte herüber, dass es dem Leser nicht wie unangenehmes Predigen erscheint.

Man muss nicht das Große Latinum oder ein abgeschlossenes Hochschulstudium der Geisteswissenschaften besitzen, um an diesem Roman seine Freude zu haben. Viele der Gags und Seitenhiebe gedeihen aber besser, wenn der Boden im Geist des Lesers vorher ausreichend gedüngt wurde.

Fazit:
Mit "Das Königsprojekt" und anderen Romanen hat der Schriftsteller und Umweltaktivist Carl Amery eindrücklich gezeigt, dass Science Fiction sehr wohl Hochliteratur sein kann. Insbesondere die katholische Kirche, aber auch andere Gruppen und Personen, die einen Schluck zu viel aus der Überheblichkeitspulle genossen haben, bekommen in dieser überaus Zeitreise-Satire ihr Fett weg. Wenn der Leser ein gewisses Maß an klassischer Bildung mitbringt, macht der Roman gleich nochmal so viel Spaß.

Das Königsprojekt - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Carl Amery
Das Königsprojekt
Erscheinungsjahr: 1995



Autor der Besprechung:
Henning Kockerbeck

Verlag:
Heyne Verlag

ISBN:
978-3453313200

299 Seiten
Positiv aufgefallen
  • Eine überaus humorvolle Satire auf Überheblichkeit im Allgemeinen...
  • ... und die katholische Kirche im Besonderen
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für dieses Book
Bewertung:
1
(1 Stimme)
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Rezension vom: 25.10.2010
Kategorie: Science Fiction
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