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Pulverfass Kenia
Kenia, das afrikanische Musterland und Lieblingsziel der Safaritouristen, hat Ende vergangenen Jahren aufhorchen lassen: Nach der letzten Präsidenten- und Parlamentswahl kam es zu heftigen Unruhen, denen offiziell etwa 1300 Menschen zum Opfer fielen - tatsächlich wohl sehr viel mehr. Was ist los in Kenia, fragte daher der "Spiegel"-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse. Der frühere ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann unterhielt sich darüber mit "Spiegel"-Afrikakorrespondent Thilo Thielke, der in dieser Zeit mit einem Fernsehteam in dem ostafrikanischen Land gewesen ist.

Thielke glaubt, dass Kenia, wenn auch notdürftig wieder befriedet, ein Pulverfass bleibt. Und er schob gleich eine provokante zweite These nach: Das Land sollte keine Entwicklungshilfe mehr erhalten, denn die sei kontraproduktiv. Nach der langjährigen Herrschaft von Präsident Daniel Arap Moi hätten sich die Kenianer in der vergangenen Amtsperiode von seinem Nachfolger Kibaki viel versprochen, sagte der Korrespondent. Obwohl Moi aus westlicher Sicht extrem korrupt war, habe ihn Kibaki aber noch übetroffen.

Thielke berichtete, dass jeder Minister bei Amtsantritt in dem bitteramren Land zunächst ein Haus, zwei Autos und ein Handgeld von 17 000 Dollar erhalten habe. Politik in Afrika bedeute meist, den eigenen Stamm zu versorgen, und Politiker werden daher jeweils von ihren eigenen Ethnien gewählt. Die Präsidentenwahl, die Kibaki wieder gewann, ist nach seiner Einschätzung am meisten manipuliert worden. Die Parlamentwahl gewann hingegen die Opposition. Das löste nach seinen Worten "erschreckende Gewalt" aus. Bei seinen Fahrten durch Kenia habe er sehr viele Leichen gesehen. Bekannt wurde vor allem ein Vorfall: Angehörige des Mehrheitsstamms der Kikuyu hatten sich vor ihren Feinden in eine Kirche geflüchtet. Matratzen wurden vor den Kirchentüren aufgestapelt und angezündet - 40 menschen verbrannten.

Der "Spiegel"-Mitarbeiter sagte, dass in dem Land "Alltagsgewalt" generell sehr ausgeprägt sei: Es gebe viele Straßenüberfälle, Frauen würden als Hexen gelyncht. Er selbst habe in einem mit einem Elektrozaun gesicherten, von Hundenbewachten Landhaus gelebt. Wie die Konflikte zwischen den rund 40 Ethnien in kenia gelöst werden können, ist für Thielke auch ein Rätsel. Er wollte die Schuld auch nicht nur den Kolonialstaaten zuschieben. Hier hatten die Briten im ehemaligen Britisch-Ostafrika willkürliche Grenzen gezogen und Stämme in einem Staat zusammengefasst, die sich von alters her spinnefeind sind. Aber irgendwo hätten die Grenzen ja gezogen werden müssen. Nicht jeder Stamm könne sein eigenes Land haben, meinte Thielke.

Ein weiteres großes Problem ist für ihn die Abhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten von ausländischer Hilfe. Das treffe auch auf Kenia zu, und er bezog sich damit nicht nur auf Entwicklungshilfe, die in Deutschland insgesamt auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angehoben werden soll. Dabei ist Kenia ein reiches Land mit vielen Rohstoffvorkommen und hervorragenden Bedingungen für die Landwirtschaft. Zudem, fügte Thielke hinzu, seien in Kenia fast alle sozialstaatlichen und infrastrukturellen Aufgaben von Ausländern übernommen worden. Jeder Helfer sehe sein Engagement als Ausnahmefall, aber insgesamt führe das dazu, dass die kenianische Regierung zur Erfüllung ihrer Aufgaben unfähig sei. Die Kenianer hätten sich daran gewöhnt, dass das Ausland ihnen helfe und Geld gebe. Er schränkte ein: Katastrophenhilfe müsse auch weiter möglich sein. Das deutsche Entwicklungshilfeministerium sollte aber aufgelöst und ins Auswärtige Amt eingegliedert werden.

Für vielversprechend hält Thielke auch Ansätze, Frauen in Kenia mehr Verantwortung zu geben. Sie füheln sich eher fürs Gemeinwohl zuständig und sind weniger korrupt. Seine Frage, ob Frauen also vernünftiger seien, beantwortete der "Spiegel"-Korrespondent augenzwinkernd: "Es scheint so, zumindest in Afrika."

Andreas Alt

Daten dieses Berichts
Bericht vom: 18.10.2008 - 17:12
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Bernd Glasstetter
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