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Vermeintlicher falscher Shakespeare doch echt?
Oft ändert die moderne Forschung die Einschätzung von Kunstwerken: Manch "alter Meister" wurde als zeitgenössische oder auch moderne Fälschung entlarvt. Es geht aber auch umgekehrt, wie die Forschungen eines Forschers von der Universität Nottingham zeigen. Und das auch noch gleich in Werk eines der berühmtesten Dichter überhaupt.

Er ist unbestritten einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Dichter mindestens der englischen Sprache. Er wird oft einfach nur als "der Dichter", "the bard" bezeichnet, und jeder weiß, wer gemeint ist: William Shakespeare.

Aber auch fast 400 Jahre nach seinem Tod und nachdem sich wohl hunderte Forscher mit seinem Leben und seinen Werken auseinandergesetzt haben, birgt Shakespeare immer noch Geheimnisse. Stammen die ihm zugeschriebenen Werke tatsächlich von ihm, oder war er vielleicht nur ein Strohmann für einen anderen Autoren, der nicht unter seinem eigenen Namen veröffentlichen wollte oder konnte? Gab es ihn überhaupt, oder war "William Shakespeare" ein Pseudonym? War er heimlich Katholik in einer Zeit, in der diese Religion gesetzlich verboten war? Und welches der diversen Portraits, die angeblich den großen Dichter darstellen sollen, zeigt tatsächlich sein Gesicht?

Auch in seinem Werk gibt es bis heute Überraschungen, wie sich gerade erst wieder zeigte. 1727 wurde das Stück "The Distrest Lovers" uraufgeführt. Der Autor Lewis Theobald behauptete, sein Stück sei eine Bearbeitung eines bisher unbekannten Stücks von Shakespeare. Er besitze drei Kopien des Originalmanuskripts des Meisters, die für Schauspieler angefertigt worden seien.

Allerdings glaubten ihm nicht alle seiner Zeitgenossen. An die Spitze der Zweifler, die in "The Distrest Lovers" nichts von Shakespeare entdecken konnten, setze sich Alexander Pope. Der war nicht nur Theobalds großer Rivale als Autor, sondern auch als Shakespeare-Experte und -Editor. Popes Meinung über das Stück wurde Allgemeingut, und bei einer Aufführung 1846 erntete man mit dem Hinweis, das Stück sei von Shakespeare, nur Gelächter aus dem Publikum. "The Distrest Lovers" geriet in Vergessenheit.

Jetzt, im Jahr 2010, scheint sich die vermeintliche Fälschung doch als echt zu erweisen. Der renommierte Shakespeare-Forscher Brean Hammond will belegen können, dass "The Distrest Lovers" eben doch auf einem Stück von Shakespeare beruht, oder besser gesagt, auf einem Stück, das Shakespeare zusammen mit einem anderen Dichter geschrieben hat. Denn hinter Theobalds Bearbeitung soll nichts anderes stecken als der seinerseits legendäre "Cardenio".

"The History of Cardenio" ist ein Stück aus der Feder von Shakespeare und seinem Protégé John Fletcher. Seine Existenz ist aus verschiedenen Quellen belegt, beispielsweise von Abrechnungen des Autorenhonorars für Aufführungen von 1613 oder aus einem Urheberrechtsregister, aber das Stück selbst hat sich nicht über die Jahrhunderte erhalten. Deshalb kann auch nur vermutet werden, worum es in "Cardenio" geht. Man geht davon aus, dass Shakespeare und Fletcher auf eine Episode aus "Don Quijote" aufbauten, der gerade ein Jahr zuvor ins Englische übersetzt worden war.

Brean Hammond hat nun Wortschatz, Versbau und Bildersprache in "The Distrest Lovers" analysiert und mit den bekannten Werken von Shakespeare und Fletcher verglichen. Beispielsweise findet sich in dem Stück das Wort "absonant" (zu deutsch "missklingend"), das außerhalb von Shakespeares Werk nur sehr selten verwendet wurde. Insgesamt hat Hammond Shakespeares literarische Handschrift "in Akt Eins, Akt Zwei und möglicherweise den ersten beiden Szenen von Akt Drei" nachgewiesen, wie er der BBC sagte.

Die Geschichte des nun vermutlich doch Shakespeare-Stücks könnte selbst der Feder des Dichters entsprungen sein, passt aber in die jeweiligen Zeiten: Zu Shakespeares Lebzeiten wurden mindestens die Hälfte aller Theaterstücke von mehreren Autoren gemeinsam verfasst. Von Shakespeare und Fletcher sind zwei weitere gemeinsame Werke überliefert, "Henry VIII." und "The Two Noble Kinsmen".

Und es war lange Zeit üblich, Shakespeare-Stücke an den Geschmack des zeitgenössischen Publikums anzupassen und dabei teilweise radikale Änderungen vorzunehmen, wie Lewis Theobald es getan hat. Noch die deutschen Regisseure von "Hamlet" oder "Macbeth" im späten 18. Jahrhundert wollten ihren Zuschauern einige Grausamkeiten des Originals nicht zumuten und schrieben um, und auch die wichtige Schlegel-Tieck-Übersetzung Anfang des 19. Jahrhunderts ersparte den Lesern noch manche Obszönität. Hammond stuft "The Distrest Lovers" entsprechend auch als "fehlerhaftes Stück" ein, an dem man "herumgedoktert" habe. Theobald habe Textstellen gestrichen, die er nicht angemessen fand.

Zwei wichtige Instanzen hat der Forscher mit seiner Neueinstufung des Stücks bereits überzeugt: Zum einen den Verlag Arden, dessen Shakespeare-Ausgabe hohes wissenschaftliches Ansehen genießt, und der "The Distrest Lovers" in den Kanon der Stücke des Dichters offiziell aufgenommen hat. Zum anderen die Royal Shakespeare Company, die für 2001 eine Aufführung einer zusammen mit Cervantes-Kennern rekonstruierten Fassung des Stücks plant.

Bleibt noch anzumerken, dass "The Distrest Lovers" eigentlich nur der Untertitel des "neuen" Shakespeare-Stücks ist. Der eigentliche Titel könnte auch als Überschrift über der ganzen Geschichte stehen: "Double Falsehood" - "Doppelte Falschheit".

Quellen: BBC News, Times Online, Welt.de, FAZ.net, diepresse.com, sueddeutsche.de u. a.




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Artikel vom: 27.03.2010
Kategorie: Newsartikel
Autor dieses Artikels: Henning Kockerbeck
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